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Europa
Kampagne mit "jüdischem Kronzeugen" PDF Drucken E-Mail
mk   
24.04.2008
Mit einem schweren Vorwurf wird der vor 16 Jahren verstorbene Vater des ukrainischen Präsidenten diskreditiert. Andrej Juschtschenko, der als Kriegsgefangener im KZ Flossenbürg in der bayerischen Oberpfalz inhaftiert war, wird der Kollaboration mit den Nazis bezichtigt. Dazu wurde sogar in der Manier von Holocaust-Leugnern ein "jüdischer Kronzeuge" in Gestalt eines "israelischen Historikers" erfunden.

Anfang April wurde auf den Webseiten der kommunistischen Nachrichtenagentur in der Ukraine (KPU-News) ein Buch angekündigt, in dem die Kollaboration von Andrej Juschtschenko, dem Vater des ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko, mit den SS-Lager-Schergen im KZ Flossenbürg behauptet wird, wo er als Kriegsgefangener inhaftiert war. Diese "Meldung" über die angebliche Nazi-Kollaboration des Präsidenten-Vaters wurde auf verschiedenen Internetseiten vor allem kommunistischer Provenienz wiederholt. Mitte April veröffentlichte die russische Nachrichtenagentur Regnum diese Meldung auch auf englisch.

Das "Buch" wird auf den Webseiten der KPU-News als Datei zum Download angeboten. Das 88-seitige Machwerk kolportiert eine Erzählung von Pjotr Juschtschenko, dem Bruder des ukrainischen Präsidenten: Sein Vater Andrej habe sich in der Gefangenschaft an guten Kaffee gewöhnt. Den Grund vermutet der Autor des "Buches" darin, dass der Präsidenten-Vater geheimer Informant der Nazis gewesen sei, er habe gar der Lagerpolizei angehört und als solcher unter besten Bedingungen gelebt - wozu eben auch der "gute Kaffee" gehörte. Die Wahrheit über den 1992 verstorbenen Andrej Juschtschenko könne man in deutschen und amerikanischen Archiven finden, wenn die Behörden solcherart brisante Details nicht geheim halten würden. Belege aus dem umfangreichen Material der externer LinkKZ-Gedenkstätte Flossenbürg zieht der Autor allerdings nicht heran.

Jurij Wilner: "Der Unsichtbare" aus Pakistan

Um dem Ganzen die Krone des guten Leumunds aufzusetzen, wird aus dem "Buch"-Autor Jurij Wilner der "israelische Historiker Jurij Wilner aus Moskau". Doch dieser "jüdische Kronzeuge" scheint seinerseits recht geheimnisvoll. Dmitrij Kanewskij beschreibt in einem externer LinkArtikel für den russischen Dienst der Deutschen Welle, es sei ihm unmöglich gewesen, diesen "unsichtbaren" Autor ausfindig zu machen. Auch in Israel sei der "israelische Historiker" gänzlich unbekannt. Die Recherche mittels der ISBN-Nummer des Buches - jener internationalen Standardbuchnummer zur eindeutigen Kennzeichnung - sei ebenfalls erfolglos geblieben, das "Buch" nur im Internet zu finden. Offensichtlich handele es sich bei "Wilner" um ein "Schriftsteller-Phantom". Die ersten drei Ziffern der angeblichen ISBN-Nummer - die so genannte Ländernummer - führen übrigens weder nach Moskau noch nach Israel, sondern nach Pakistan.

Der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg Jörg Skriebeleit erteilt auf Nachfrage der Mär um etwaige Machenschaften des Präsidenten-Vaters als "Handlanger der Faschisten" oder gar um "geheimgehaltene Einzelheiten" eine klare Absage: "Das ist ganz offensichtlich eine Kampagne gegen den Präsidenten der Ukraine", so Skriebeleit. Die Geschichte Andrej Juschtschenkos, der vom Dezember 1944 bis April 1945 Häftling im KZ Flossenbürg war, sei lückenlos belegt, alle Dokumente einsehbar. Skriebeleit arbeitet seit 1996 in Flossenbürg und ist seit 1999 wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte. Ein Abschnitt der neuen Dauerausstellung, die im Juli 2007 eröffnet wurde, ist Andrej Juschtschenko gewidmet. Im Februar 2007 hatte Viktor Juschtschenko die KZ-Gedenkstätte besucht und dort seines Vaters gedacht.

"Braune Bohnen"

In der Frankfurter Rundschau beschäftigt sich Karl Grobe in einer externer LinkKolumne mit dem Titel "Braune Bohnen. Ein russischer Autor liest im Kaffeesatz und findet, dass der ukrainische Präsident ein bisschen Nazi sei" mit dem Pamphlet und beschreibt dessen Absicht so:

Viktor Juschtschenko, der Präsident, muss also wohl zu einem geheimen Nazi-Sympathisanten erzogen worden sein. Mit diesem Hinweis darf die ganze Ukraine - oder wenigstens ihr orangener Flügel - sich als moralisch geohrfeigt fühlen. Das ist der Sinn der Story.

Dass hierzu die Diffamierung eines ehemaligen KZ-Häftlings dienen soll und gar ein jüdischer Kronzeuge innerhalb einer offensichtlichen Fälschung aufgeboten wird, steht jedoch in einer langen "Tradition" der Verfolgung von Überlebenden der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Doppelte Verfolgung

Kriegsgefangene sowjetische Soldaten, Zwangsarbeiter, Überlebende des Holocaust aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion haben oft eine doppelte Verfolgung erlitten: Sowjetische Soldaten, die in deutsche Gefangenschaft geraten waren, wurden von Stalin zu "Vaterlandsverrätern" erklärt; Zwangsarbeiter und Holocaust-Überlebende wurden nach ihrer Rückkehr häufig pauschal als Deserteure, Kollaborateure und Verräter angesehen und verfolgt. Die Nachkriegsschicksale ehemaliger KZ-Häftlinge aus Osteuropa, insbesondere die von ihnen erlittenen Repressalien durch die sowjetischen Organe bei ihrer "Repatriierung" gelten in diesen Ländern immer noch häufig als ein Tabu nicht nur in der historischen Forschung.

Diese Tradition scheint mancherorts ungebrochen. So ist nicht nur Juschtschenko den Verleumdungen vor allem kommunistischer Internetmedien ausgesetzt. Ebenfalls im April sieht sich die Federation of Jewish Communities of Russia (FJCR, Verband der Jüdischen Gemeinschaften Russlands) veranlasst, der Behauptung des ukrainischen Geheimdienst-Chefs Valentin Naliwajtschenko zu widersprechen, ukrainische Juden hätten während des zweiten Weltkrieges und der Sowjet-Ära mit der Organisation der ukrainischen Nationalisten (OUN) zusammengearbeitet. Die nationalistische OUN wollte durch Bündnisse mit jedem Gegner Russlands die Unabhängigkeit der Ukraine erreichen. Nach 1933 gehörte dazu auch das nationalsozialistische Deutschland, ob nun in Verkennung der oder mit Zustimmung zu dessen politisch-ideologischen Realitäten. FJCR-Sprecher Boruh Gorin hingegen wies laut der Agentur Interfax-Religion darauf hin, dass für ukrainische Juden, die den Holocaust überlebt hätten, OUN-Mitglieder "natürlich ein absolutes Übel darstellten".