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Neonazis / NPD / Rechte Gewalt
Brutaler Überfall in Nordhessen: Anklage wegen Mordversuch möglich PDF Drucken E-Mail
redok   
23.07.2008
Kassel. Bei einem Überfall von Neonazis auf ein Jugend-Sommercamp der Linken in Nordhessen ist ein 13-jähriges Mädchen am Sonntagmorgen lebensgefährlich verletzt worden. Der Täter wurde noch am gleichen Tag festgenommen und ist geständig. Ein Ermíttlungsverfahren wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung wurde eingeleitet, möglicherweise könnte die Anklage auch auf versuchten Mord lauten. Der 19-jährige Täter stand in enger Verbindung zum früheren hessischen NPD-Landesvorsitzenden Marcel Wöll.

Am Samstag hatte die Jugendorganisation der Partei Die Linke, linksjugend ['solid], in Treysa eine Demonstration gegen Rassismus und Rechtsextremismus organisiert. Dabei hatten Neonazis Teilnehmer der Demonstration provoziert. Es kam zu Auseinandersetzungen und Rangeleien, die Polizei nahm kurzzeitig fünf Rechtsextreme fest.

Am folgenden Morgen tauchten vier Neonazis bei einem Sommercamp der linken Jugendorganisation am Neuenhainer See im Schwalm-Eder-Kreis auf. Zwei von ihnen kletterten über einen zweieinhalb Meter hohen Zaun und drangen in das Lager ein. Der 19-Jährige Haupttäter betrat ein Zelt, in dem das 13-jährige Mädchen und ihr zehn Jahre älterer Bruder schliefen, und schlug mit verschiedenen Gegenständen auf Kopf und Gesicht der beiden ein, laut Medienberichten mit Flaschen und einem Klappspaten. Währenddessen zerschlugen die anderen Neonazis auf dem Parkplatz die Heckscheiben von drei abgestellten Autos und stahlen ein am Zaun befestigtes Transparent der Campveranstalter. Die Täter entkamen zunächst, doch Teilnehmer des Lagers konnten sich das Kennzeichen merken.

Das 13-jährige Opfer wurde mit schweren Kopfverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert und schwebte zeitweilig in Lebensgefahr. Die vermutlichen Täter konnten noch am Sonntag festegenommen werden. Drei der vier an dem Überfall beteiligten Männer waren auch schon am Rande der linken Demonstration von der Polizei festgehalten worden. Zu ihnen gehörte der 19-jährige Kevin Schnippkoweit, der inzwischen den Angriff auf die beiden Geschwister gestanden und zugegeben hat, aus politischen Motiven gehandelt zu haben. Einige der Täter seien dem Verfassungsschutz  bereits als gewaltbereite Neonazis bekannt, berichtete der Hessische Rundfunk. Sie stammten aus dem Umfeld der so genannten "Freien Kräfte Schwalm-Eder".

Der vermutliche Haupttäter Kevin Schnippkoweit hielt sich längere Zeit im Umfeld des früheren NPD-Landesvorsitzenden Marcel Wöll auf, der in Butzbach-Hochweisel eine rechtsextreme Wohngemeinschaft betrieb. Offenbar war Schnippkoweit führend an den rechten Video-Projekten "Volksfront-Medien" und "Media Pro Patria" beteiligt und firmierte dort mit dem Pseudonym "exvodsPhoenix". Im vergangenen Jahr zog er von Hessen ins thüringische Jena-Lobeda, wo er im so genannten "Braunen Haus", der regionalen NPD-Parteizentrale an der Jenaischen Straße, Unterkunft nahm. Auch der hessische Ex-Landeschef Wöll beabsichtigt offenbar den Umzug nach Thüringen.

Die Staatsanwaltschaft Kassel erwägt derzeit, Anklage wegen versuchten Mordes zu erheben. Laut Oberstaatsanwalt Hans-Manfred Jung sind "mindestens zwei Merkmale für eine Anklage wegen Mordversuchs" gegeben. Nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen habe der Täter aus niedrigen Beweggründen und heimtückisch gehandelt.

In rechtsextremen Internetforen wurde der lebensgefährliche Angriff auf das Mädchen zunächst bagatellisiert oder sogar gerechtfertigt. Das neonazistische Videoprojekt "Media Pro Patria", dessen Internetseiten anfangs unter Schnippkoweits Namen und der Adresse des Jenaer "Braunen Hauses" registriert waren, distanzierte sich heute jedoch und bezeichnete das "Verhalten des Kameraden" als "völlig unbegreiflich". Schnippkoweit werde "aus sämtlichen Arbeiten in regionalen Strukturen und auch in unserem Projekt" ausgeschlossen.