| Rezension | |||
| Zwischen Militanz und Bürgerlichkeit |
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| Ralph Kummer | |||
| 29.10.2008 | |||
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Rechtsextremismus erscheint in Deutschland seit den 1990er Jahren immer deutlicher als netzwerkartiges Organisationsgebilde, seine parteiförmige Ausbildung verliert dabei - abgesehen von einigen Wahlerfolgen der NPD - an Relevanz. Es entwickelten sich neue Hauptträger, Strukturen, Handlungsstrategien, Interaktionsmuster mit dem gesellschaftlichen Umfeld und Aktionsformen. Jugendkulturelle Elemente und rechtsextreme Erlebniswelten gewannen an Bedeutung. Kurz: Es fand eine Verjüngung, Professionalisierung und Dynamisierung des Rechtsextremismus statt.
Andreas Klärner setzt sich in seiner neuesten Veröffentlichung "Zwischen Militanz und Bürgerlichkeit" mit diesem neuen Erscheinungsbild auseinander. Weil die rechtsextreme Bewegung jüngst weniger durch Gewalttaten als durch neue Protestformen auffällt, fokussiert sich der Autor auf die Frage nach den Profilen, dem Selbstverständnis, den Motiven und Zielen der Aktivisten, die Gewaltverzicht üben. Zur Beantwortung dieser Fragen blickt Klärner auf die lokale Ebene; er untersuchte im Zuge einer soziologischen Gemeindestudie die rechte Szene in einer ostdeutschen Stadt. Andreas Klärner gewährt durch seine Recherchen und Interviews bislang selten nachzulesende Einblicke in ein ansonsten schwer zugängliches Milieu. Zunächst skizziert er jedoch am Anfang des 348seitigen Buches die Entwicklung des Rechtsextremismus in Deutschland seit 1945. Dabei orientiert sich Klärner an der in der gängigen Literatur mittlerweile üblichen Unterteilung in vier Wellen oder Phasen. Dennoch erscheint es nicht ganz einsichtig, warum dieser historische Exkurs der spannenden Feldstudie vorgeschaltet sein muss. Der folgende Abschnitt über Rechtsextremismus als soziale Bewegung passt da schon besser ins Bild, weil der Autor sich auf Basis des lokalen Fallbeispiels auf die aktionsorientierte rechtsextreme Bewegung und deren Eliten wie Basisaktivisten konzentriert. Nach Ausführungen zur Methodik der Fallstudie geht es in medias res: Andreas Klärner beschreibt die Geschichte der rechtsextremen Szene in "A-Stadt", den gesellschaftlich-innerstädtischen Kontext, Aktionsformen und öffentli-ches Auftreten der Rechten. Anschließend gelangen die Aktivisten und ihr engeres Umfeld in den Blickpunkt. Wichtig ist dem Autor ebenfalls das Selbstverständnis der Interviewten, das er in den drei Teilen "Problemdefinition und Zukunftsvisionen" (Wahrnehmung und Kritik an der Gesellschaft und am politischen Gegner, Veränderungswünsche, Zukunftsentwürfe), "Selbstbeschreibung" (Was bedeutet "Volk"?, Hauptfeinde, Zusammenhaltsstiftung/Wir-Gefühl) und "Handlungsorientierungen" (Begründung des Einsatzes bestimmter Aktionsformen, Begründung der eigenen Teilnahme, Einschätzung des Erfolgspotenzials) darlegt. Andreas Klärner bilanziert daraufhin: "Die am A-Städter Beispiel aufgezeigten Transformationsprozesse in Bezug auf Organisations- und Aktionsformen belegen die These, dass der organisierte deutsche Rechtsextremismus ein soziales Gebilde mit hoher Innovationskraft ist. Die Lokalstudie hat gezeigt, dass die rechtsextreme Bewegung sehr aktiv, in ihren Strategien provokativ und erfinderisch ist; sie ist kampagnenfähig, verfügt über engagierte Basisaktivisten sowie einen kleinen Kern von Kadern oder Bewegungsintellektuellen und insgesamt über gefestigte Strukturen" (S. 290). Gleichwohl ist die Mobilisierungskraft wohl eher beschränkt. Zum Abschluss wägt der Autor die Erfolgsaussichten der rechtsextremen Bewegung zu Beginn des 21. Jahrhunderts ab und erläutert mögliche Gegenstrategien. Er fordert: "Es [gilt] jedoch, diese angebliche Gesprächsbereitschaft der Rechtsextremen und ihre Forderung, sich unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit an Diskussionen beteiligen zu dürfen, als das zu entlarven, was sie sind: taktische Manöver. Die Ziele und politischen Visionen der Akteure sind, trotz aller Tarnungsversuche, eindeutig und haben mit Demokratie und Meinungsfreiheit nichts zu tun [...] Hält die demokratische Öffentlichkeit an der Isolierung des Rechtsextremismus auf breiter gesellschaftlicher Basis fest, wird dies, so meine abschließende These, entscheidend dazu beitragen eine dauerhafte Etablierung der Bewegung zu verhindern" (S. 309). Es ist Andreas Klärner hoch anzurechnen, dass er die akademischen Mauern verließ und sich vor Ort in die "Höhle des Löwen" begab. Gerade deshalb sind seine Beschreibungen reizvoll, fesselnd, bisweilen auch amüsant. Er demaskiert die politische Mimikry der extremen Rechten, verdeutlicht den dynamischen Charakter der Szene, zeigt in seiner empfehlenswerten Studie aber vor allem eines: Die rechtsextremen Biedermänner bleiben geistige Brandstifter. |
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