start arrow report arrow Die antisemitische Ente des Jahres
Antisemitismus / Rechtsextremisten / Neonazis
Die antisemitische Ente des Jahres PDF Drucken E-Mail
mk   
01.11.2008
Seit Tagen wird in überregionalen Tageszeitungen über ein Gedicht mit dem Titel "Wenn die Börsenkurse fallen" geschrieben, das derzeit im Internet kursiert, unter anderem auch in Foren mit vorgeblich kapitalismuskritischer Ausrichtung. Dieses sprachlich wie inhaltlich eher schlichte Elaborat wurde dem Dichter Kurt Tucholsky zugeschrieben, der darin bereits 1930 in der Wochenzeitschrift "Die Weltbühne" mit geradezu prophetischer Voraussicht die aktuelle Finanzkrise beschrieben hätte. Tatsächlich stammt es jedoch aus einer ultrarechten Feder.

Der Autor Richard G. Kerschhofer alias Pannonicus aus Wien steht der FPÖ nahe. Veröffentlicht worden war das externer Link"Gedicht" bereits Ende September in der revanchistischen "Preußische Allgemeine Zeitung / Das Ostpreußenblatt" unter dem Titel "Höhere Finanzmathematik". Außerdem ist es auf den Webseiten der vom FPÖ-Veteranen Gerulf Stix initiierten "Genius - Gesellschaft für freiheitliches Denken" zu lesen.

Trotz aller Bemühungen und Klarstellungen - auch externer Linkseitens der Kurt-Tucholsky-Gesellschaft - die Begeisterung für die vermeintlich visionäre Schau Kurt Tucholskys kennt kaum Grenzen. Tatsächlich hat auch die Redoktion dieses "Gedicht" mit dem Newsletter einer antifaschistischen Gruppe erhalten. Autor Kerschhofer scheint das Ganze zu amüsieren: "Ich habe es auf vielen kommunistischen Seiten gefunden. Dort ist es zum Teil nun wieder gelöscht worden, als man gemerkt hat, dass es nicht aus dem linken Eck kommt", externer Linkzitiert die österreichische Presse den Rechtsaußen.

Was aber will die Zuschreibung der simplen Verse an Kurt Tucholsky? Warum sollten diese Zeilen gerade von einem linken Intellektuellen, Satiriker und Zeitkritiker - noch dazu "jüdischer Herkunft" - stammen? Verraten Wortwahl und Inhalt und auch die Rezeption des Gedichts nicht vielmehr die Geschichte eines antisemitischen Beinahe-Gassenhauers?

Sieht man sich die Verse genauer an, so fällt neben dem schlichten Aufbau aus volkstümelnden Trochäen (wie in "Lurchis Abenteuer") und quälendem Paarreim ("Haus - raus") doch zuerst die Wortwahl auf. Da ist die Rede von "manchen", die angesichts der aktuellen Finanzkrise aufblühten, die "verhökern", was ihnen gar nicht gehöre, die gar "selbst den Absturz los[treten]", von Staaten, deren Regierung "man" mittels Krediten in der Hand habe, vom "Kleinen Mann", der nun - und nicht nur in Amerika! - die Schulden "dieser Frechen" zu begleichen habe, und falls sich die so Ausgebeuteten wehren sollten, sei "der Ausweg längst bedacht: Dann wird bißchen Krieg gemacht". Allen voran aber ist es die Vokabel "Spekulantenbrut", die aufhorchen lässt, und die wenigstens externer LinkChristian Schlüter in der Frankfurter Rundschau vom 24. Oktober zu der Frage veranlasst, ob hier nicht ein völkisches Ressentiment anklinge. Recht hat er, und viel mehr.

Die Anti-Defamation League (ADL), die gegen Diskriminierung und Diffamierung von Juden eintritt, gab am 16. Oktober eine externer LinkPresseerklärung heraus, in der sie im Zusammenhang mit der Finanzkrise auf die Gefahr antisemitischer Verschwörungstheorien hinwies. Am 31. Oktober folgte ein externer LinkBericht über antisemitische Stereotype, die in Reaktion auf die Finanzkrise auftauchten, wonach Juden oder "Zionisten" die Ereignisse, Regierungen und das Finanzwesen weltweit kontrollierten. Für Deutschland beispielhaft benannt werden u.a. verbreitete Klischees vom Finanzjudentum, das in den USA (nach Israel) seinen Hauptsitz habe, diesen auch behalten wolle und mit dem Geld Kriege finanzieren würde.

Wer aber ist nun in Kerschhofers Zeilen "man"? Wer tritt "selbst den Absturz los", steuert Regierungen mittels Krediten, von wem "wird ein bißchen Krieg gemacht"? Und nicht zuletzt: wen meint er mit dem dem Wörterbuch des Unmenschen entnommenen Begriff der "Spekulantenbrut"?

Solcherart "Kapitalismuskritik" mit Personalisierung, irrationaler Schuldzuweisung und Verschwörungstheorie, gepaart mit einem Vokabular, das eine bestimmte Personengruppe gar als "Brut" bezeichnet, ist seinem Muster nach antisemitisch. Die primitiven Reime der "Höheren Finanzmathematik" sind ein Musterbeispiel für jenen strukturellen Antisemitismus von links und rechts, in dem Regierungen zur "Marionette des Geldjudentums" werden, in dem der "deutsche Michel" wie auch der österreichische "kleine Mann" hilflos finsteren, wenn nötig kriegstreibenden Mächten ausgeliefert ist.

Entsprechend wird das "Gedicht" auch in verschiedensten Foren rechter wie vermeintlich linker Provenienz zustimmend aufgegriffen. Wahrscheinlich den Höhepunkt des zu diesem Thema geschriebenen antisemitischen Wahns findet man derzeit in einem neonazistischen Forum. Hier wird nicht etwa nur das antisemitische Klischee des Geldjuden bedient. Nein, des angeblichen Tucholskys kritische "weise Voraussicht" resultiere gar aus der Tatsache, dass er selbst Jude gewesen sei. Hier einige Zitate:

"Es sind halt Durchblicker, da kann man nichts machen!"
"Ist ha[l]t das Geschäft wo die Juden etwas von verstehen."
"Daß einer Jude ist, heißt ja auch nicht, daß er mit allem einverstanden sein muß, was andere Juden tun!"

"Das hat wohl weniger mit "was davon verstehen" zu tun, als damit, daß die Juden an der Börse die Fäden ziehen!!!"

Dieser "Tucholsky" hat also in der "Höheren Finanzmathematik" das Richtige geschrieben, und das konnte er, weil er Jude war. In diesen wenigen Zeilen findet sich das Stereotyp von der jüdischen Klugheit, vom geschäftstüchtigen Geldjuden und vom verschworenen Finanzjudentum

Doch damit bestätigen sie ungewollt den echten Tucholsky, der 1931 gesagt hatte: "Die meisten Antisemiten sagen viel mehr über sich selber aus als über ihren Gegner, den sie nicht kennen."