| Antisemitismus / Rechtsextremisten / Neonazis | |||
| Die antisemitische Ente des Jahres |
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| mk | |
| 01.11.2008 | |
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Seit Tagen wird in überregionalen Tageszeitungen über ein Gedicht mit dem Titel "Wenn die Börsenkurse fallen" geschrieben, das derzeit im Internet kursiert, unter anderem auch in Foren mit vorgeblich kapitalismuskritischer Ausrichtung. Dieses sprachlich wie inhaltlich eher schlichte Elaborat wurde dem Dichter Kurt Tucholsky zugeschrieben, der darin bereits 1930 in der Wochenzeitschrift "Die Weltbühne" mit geradezu prophetischer Voraussicht die aktuelle Finanzkrise beschrieben hätte. Tatsächlich stammt es jedoch aus einer ultrarechten Feder.
Der Autor Richard G. Kerschhofer alias Pannonicus aus Wien steht der FPÖ nahe. Veröffentlicht worden war das
Trotz aller Bemühungen und Klarstellungen - auch Was aber will die Zuschreibung der simplen Verse an Kurt Tucholsky? Warum sollten diese Zeilen gerade von einem linken Intellektuellen, Satiriker und Zeitkritiker - noch dazu "jüdischer Herkunft" - stammen? Verraten Wortwahl und Inhalt und auch die Rezeption des Gedichts nicht vielmehr die Geschichte eines antisemitischen Beinahe-Gassenhauers?
Sieht man sich die Verse genauer an, so fällt neben dem schlichten Aufbau aus volkstümelnden Trochäen (wie in "Lurchis Abenteuer") und quälendem Paarreim ("Haus - raus") doch zuerst die Wortwahl auf. Da ist die Rede von "manchen", die angesichts der aktuellen Finanzkrise aufblühten, die "verhökern", was ihnen gar nicht gehöre, die gar "selbst den Absturz los[treten]", von Staaten, deren Regierung "man" mittels Krediten in der Hand habe, vom "Kleinen Mann", der nun - und nicht nur in Amerika! - die Schulden "dieser Frechen" zu begleichen habe, und falls sich die so Ausgebeuteten wehren sollten, sei "der Ausweg längst bedacht: Dann wird bißchen Krieg gemacht". Allen voran aber ist es die Vokabel "Spekulantenbrut", die aufhorchen lässt, und die wenigstens
Die Anti-Defamation League (ADL), die gegen Diskriminierung und Diffamierung von Juden eintritt, gab am 16. Oktober eine Wer aber ist nun in Kerschhofers Zeilen "man"? Wer tritt "selbst den Absturz los", steuert Regierungen mittels Krediten, von wem "wird ein bißchen Krieg gemacht"? Und nicht zuletzt: wen meint er mit dem dem Wörterbuch des Unmenschen entnommenen Begriff der "Spekulantenbrut"? Solcherart "Kapitalismuskritik" mit Personalisierung, irrationaler Schuldzuweisung und Verschwörungstheorie, gepaart mit einem Vokabular, das eine bestimmte Personengruppe gar als "Brut" bezeichnet, ist seinem Muster nach antisemitisch. Die primitiven Reime der "Höheren Finanzmathematik" sind ein Musterbeispiel für jenen strukturellen Antisemitismus von links und rechts, in dem Regierungen zur "Marionette des Geldjudentums" werden, in dem der "deutsche Michel" wie auch der österreichische "kleine Mann" hilflos finsteren, wenn nötig kriegstreibenden Mächten ausgeliefert ist.
"Juden sind die Regenten der Börsenkräfte der amerikanischen Union." Entsprechend wird das "Gedicht" auch in verschiedensten Foren rechter wie vermeintlich linker Provenienz zustimmend aufgegriffen. Wahrscheinlich den Höhepunkt des zu diesem Thema geschriebenen antisemitischen Wahns findet man derzeit in einem neonazistischen Forum. Hier wird nicht etwa nur das antisemitische Klischee des Geldjuden bedient. Nein, des angeblichen Tucholskys kritische "weise Voraussicht" resultiere gar aus der Tatsache, dass er selbst Jude gewesen sei. Hier einige Zitate: "Es sind halt Durchblicker, da kann man nichts machen!" "Ist ha[l]t das Geschäft wo die Juden etwas von verstehen." "Daß einer Jude ist, heißt ja auch nicht, daß er mit allem einverstanden sein muß, was andere Juden tun!"
Dieser "Tucholsky" hat also in der "Höheren Finanzmathematik" das Richtige geschrieben, und das konnte er, weil er Jude war. In diesen wenigen Zeilen findet sich das Stereotyp von der jüdischen Klugheit, vom geschäftstüchtigen Geldjuden und vom verschworenen Finanzjudentum. Doch damit bestätigen sie ungewollt den echten Tucholsky, der 1931 gesagt hatte: "Die meisten Antisemiten sagen viel mehr über sich selber aus als über ihren Gegner, den sie nicht kennen." |