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Neonazis / Rechte Gewalt
Neonazi wegen Mordes an Punker in Haft PDF Drucken E-Mail
ak   
01.04.2005
Dortmund. Am Ostermontag wurde in einer Dortmunder U-Bahn-Station der 31-jährige Punker Thomas S. erstochen. Der mutmaßliche Täter, ein 17-jähriger Neonazi, wurde kurz nach der Tat verhaftet und wird wegen Mordes angeklagt. In den folgenden Tagen bedrohten andere Neonazis in Dortmund mehrfach Punker, unter anderem ebenfalls mit einem Messer. Die neonazistische "Kameradschaft Dortmund" hat im Internet die Namen von sechs antifaschistischen Aktivisten veröffentlicht und gedroht, dass man "auch nehmen muss".

Am Montagabend hatte der 17-jährige Neonazi, der von der Polizei als "Mitläufer" der rechtsextremen Szene bezeichnet wird und stark betrunken gewesen sein soll, im U-Bahnhof Kampstraße nach einer verbalen Auseinandersetzung mit Thomas S. unvermíttelt ein Messer gezückt und den Punker mit drei Stichen ins Herz getötet. Thomas S. starb auf dem Weg ins Krankenhaus; er hinterlässt ein Frau und drei Kinder. Die Flucht des Neonazis, der von einer 16-jährigen Gesinnungsgenossin begleitet wurde, endete kurz danach im Bereich des Dortmunder Hauptbahnhofs, wo beide festgenommen wurden.

Gegen den tatverdächtigen vorbestraften Neonazi wurde Haftbefehl wegen Mordes erlassen; seine Begleiterin wurde freigelassen. Der 17-jährige hat bisher keinerlei Aussage gemacht.

Die Dortmunder Punker-Szene hatte nach dem Mord in der U-Bahn-Station, die mitten in der Dortmunder City liegt, mit Blumen und Kerzen eine Mahnwache errichtet. In den folgenden Tagen tauchten mehrere Neonazis in der U-Bahn-Station auf und versuchten offenbar, die trauernden Punker zu provozieren. Am Mittwoch hatte dann ein 23-jähriger Neonazi aus Dortmund eine junge Frau mit den Worten bedroht "Ich stech dich auch ab". Kurz nach Mitternacht am Donnerstag erschien der 23-jährige dann am Ort der Mahnwache und bedrohte einen Punker mit einem Messer. Der Neonazi, der schon in der Vergangenheit mehrfach wegen Körperverletzungs- und Staatsschutzdelikten aufgefallen war, wurde festgenommen und dem Polizeigewahrsam zugeführt; für einen Haftbefehl gegen den Neonazi sah die Staatsanwaltschaft offenbar keinen Anlass.

Am Freitag vor dem Osterwochenende (Karfreitag) hatte die Dortmunder Neonazi-Szene in einer Gaststätte an der Mallinckrodtstraße den Gründungstag der verbotenen "Borussenfront" gefeiert, die seit 1992 als Vorfeld-Organisation neonazistischer Parteien, vor allem der FAP, im Raum Dortmund aktiv gewesen war. Obwohl die Polizei die Neonazis mehrfach aufgefordert hatte, die erheblichen Ruhestörungen zu unterlassen, trat keine Ruhe ein. Ein Dortmunder Bürger aus Sri Lanka wurde bei der Gaststätte angepöbelt und geschlagen. Die Polizei nahm daraufhin 17 männliche und sechs weibliche Randalierer aus Dortmund im Alter zwischen 17 und 40 Jahren fest, dabei kam es zu Widerstandshandlungen aus der laut Polizeibericht sehr aggressiven Gruppe.

Bereits seit Monaten ist eine zunehmende Aggressivität der Dortmunder Neonazi-Szene zu beobachten. Seit im September vorigen Jahres der Neonazi-Anführer Siegfried Borchardt ("SS-Siggi", früherer Landesvorsitzender der verbotenen FAP) aus der Haft entlassen wurde, haben sich Ton und Auftreten der "Kameradschaft Dortmund" verschärft. Mehrfach inszenierten die Neonazis Aufzüge und Versammlungen vor Treffpunkten und Veranstaltungen linker Gruppen und nahmen dabei bedrohliche Posen ein. In Aufrufen und Berichten, die in Neonazi-Internetforen verbreitet wurden, sprachen die braunen Aktivisten von einer "national befreiten Zone Dortmund", in der "keine antifaschistischen Umtriebe jeglicher Art geduldet werden". Am 11. März hieß es etwa, an linke Gruppen gerichtet: "Wer nicht bereit ist aus Fehlern zu lernen, sollte sich der Konsequenzen bewußt sein. Wir sind gerne bereit das Erinnerungsvermögen gewisser Personen ein wenig aufzufrischen und ihnen nötigenfalls immer wieder die Sinnlosigkeit ihre Handelns vor Augen zu führen. Dortmund war, ist und wird nie Selbstdarstellungsplattfon für selbsternannte Antifaschisten und deren verlogene und weltfremde Parolen sein. In dieser Stadt ist kein Platz für die Hetze verblendeter Pseudo-Ideologen und Möchtegern-Weltverbesserer. [...] Wie schon in der Vergangenheit bewiesen, werden wir es nicht zulassen, daß auch nur eine einzige Veranstaltung linker und antifaschistischer Kreise in dieser Stadt unbeobachtet, unkommentiert und vor allem ungestraft über die Bühne gehen wird."

Nach dem Mord an Thomas S. veröffentlichte die "Kameradschaft Dortmund" am 30.3. auf der Webseite des neonazistischen "Aktionsbüro Westdeutschland" wie auch unter der Rubrik "Anti-Antifa" in dem Neonazi-Forum "Freier Widerstand" eine Stellungnahme "Kamerad wegen Mordverdacht in U-Haft!". Dort hieß es, die Gruppe habe dem mutmaßlichen Mörder mittlerweile einen Anwalt besorgt. Offenbar wähnen die Neonazis die Stadt unter ihrer Kontrolle: "Die Machtfrage wurde gestellt und wurde für uns befriedigend beantwortet: Dortmund ist unsere Stadt!" Für den Mord machten die Neonazis ihre Gegner verantwortlich: "Die Eskalation der Gewalt haben sich die Antifaschisten in Dortmund selber zuzuschreiben!" Weiter wurden Namen und Wohnorte von sechs Antifa-Aktivisten genannt, denen "Verantwortung für das, was am Montag passierte" zugeschoben wird und unverhohlen gedroht wird: "Jeder muss sich im Klaren darüber sein, dass man nicht nur geben, sondern auch nehmen muss. Ihr seid für uns keine anonyme Masse [...]".

Seit heute ist diese Stellungnahme jedoch von den zwei Webseiten verschwunden; offenbar war dieser kaum verhohlene Aufruf zu weiterer Gewalt gegen Nazigegner selbst den Betreibern dieser Webdomains zu heikel. Nach Berichten antifaschistischer Gruppen wurden jedoch im Dortmunder Stadtgebiet Plakate geklebt mit dem Text: "Antifagruppen zerschlagen! Wer der Bewegung im Weg steht, muss mit den Konsequenzen leben." Als Verantwortlicher wurde nach diesen Berichten auf dem Plakat Axel Reitz (Köln) genannt, der führender Aktivist des "Aktionsbüro Westdeutschland", der "Kameradschaft Köln" und des "Kampfbund Deutscher Sozialisten" (KDS) ist.

Der örtlichen Polizei stellte sich die Entwicklung jedoch nicht als zunehmend bedrohlich dar. "In letzter Zeit gab es keine Probleme", wurde ein Polizeisprecher in der "taz" zitiert; im vergangenen Jahr habe es weder von Rechts noch von Links Gewaltdelikte gegeben.

Am morgigen Samstag wollen Nazigegner in Dortmund demonstrieren. Von linken Gruppen wird mittlerweile ein Verbot der "Kameradschaft Dortmund" nach dem Vorbild des Verbots zweier Berliner "Kameradschaften" am 9. März gefordert.