start arrow report arrow Dubiose Immobilienkäufe: rechtsextreme "Fruchtbarkeitsforschung"?
Neonazis / Immobilien
Dubiose Immobilienkäufe: rechtsextreme "Fruchtbarkeitsforschung"? PDF Drucken E-Mail
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12.07.2004
Verden/Pößneck. Der rechtsextreme Hamburger Rechtsanwalt Jürgen Rieger hat in den vergangenen Monaten für 615.000 Euro einen ehemaligen Gutshof in Niedersachsen und einen Saalbau in Thüringen aufgekauft. Abgewickelt wurden die Käufe über eine Briefkastenfirma in London, die angeblich der "Fertilisationsforschung" (Fruchtbarkeitsforschung) dienen soll. Rieger hatte sich schon früher im Sinne der Förderung germanischen Nachwuchses betätigt.
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 Schützenhaus Pößneck

Das "Schützenhaus" im thüringischen Pößneck bei Jena ging Mitte Dezember 2003 für 360.000 Euro an den seit Jahrzehnten durch seine neonazistischen Aktivitäten bekannten Rieger. Zu der Immobilie gehört ein Restaurant, eine Diskothek, ein Biergarten sowie ein Festsaal für 500 Personen.

Während dieser Kauf bislang unbeachtet geblieben war, hatte der Verkauf des "Heisenhof" im niedersächsischen Dörverden (Nähe Verden) in den regionalen Medien schon für Aufsehen gesorgt. Für den ehemaligen Gutshof mit vier Gebäuden und rund 26.000 qm großem Grundstück musste Rieger 255.000 Euro bezahlen. Die Gebäude liegen in einem parkartigen Areal und sind zur Unterbringung von mehreren Hunderten Personen geeignet.

Beide Objekte wurden von Rieger im Namen einer "Wilhelm-Tietjen-Stiftung für Fertisilationsforschung" erworben. Die Stiftung geht auf den Bremer Altnazi Wilhelm Tietjen zurück, der nach dem Zweiten Weltkrieg mit Aktienspekulationen zu einem Vermögen kam und Rieger eine Million Euro vermacht haben soll, wie in der Fernsehsendung "Buten un Binnen" von Radio Bremen berichtet wurde.

Rieger hat gegenüber den "Verdener Nachrichten" erklärt, der Heisenhof solle zur Fruchtbarkeitsforschung dienen und damit "kinderlosen Ehepaaren zu Kindern verhelfen". Dass Rieger, der auch die rassistische "Artgemeinschaft" leitet, ernsthafte wissenschaftliche Forschung veranstalten könnte, kann jedoch ausgeschlossen werden. Bereits 1995 hatte Rieger in Südschweden das Landgut Sveneby gekauft, um dort geeignete junge Familien anzusiedeln und die Aufzucht nordisch-germanischen Nachwuchses in einer Art Nazi-Landkommune zu fördern. Das Vorhaben scheiterte jedoch mangels ausreichender Zahl von Interessenten. Rieger ist ebenfalls Vorsitzender eines Vereins "Mütterdank e.V.", der sich der Förderung kinderreicher deutscher Familien mit der rechten Gesinnung verschrieben hat.

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 Heisenhof in Dörverden
© Manfred Tegge
externer LinkWebseite des Originalbildes

Geeignet ist der Heisenhof weniger zu Forschungszwecken, sondern vor allem zur Unterbringung größerer Zahlen von Personen, ob nun zu rechtsextremen Versammlungen oder zur rassereinen Zuchtwahl. Vor einiger Zeit war das Anwesen schon einmal für die Ansiedlung eines Internates für 300 Schüler im Gespräch gewesen; auf dem Heisenhof wäre damit genug Raum für einen Genpool vorhanden, der zur Gründung eines kleineren Germanenstammes ausreichen würde. Eine Nutzung als Tagungs- und Veranstaltungszentrum für Rechtsextreme hat Rieger gegenüber den "Verdener Nachrichten" dementiert, denn dafür besitze er ja eine weitere Liegenschaft in der Innenstadt von Hameln, die neben Wohnungen und Ladengeschäften auch ein Kino umfasst. Dieser Komplex im Werte von etwa 2 Millionen Euro soll jedoch zum Verkauf stehen, sodass diese Aussage Riegers wenig glaubwürdig ist.

Den Sitz der Stiftung in London erklärte Rieger damit, dass in Großbritannien bessere Bedingungen für seine Fruchtbarkeitsforschung bestünden als in Deutschland; so sei "die Leihmutterschaft bei uns ja verboten, in England aber nicht". Der Grund für die Londoner Adresse dürfte dagegen in den schlechten Erfahrungen zu suchen sein, die Rieger bereits vor Jahren mit einer anderen Liegenschaft machen musste: In Hetendorf bei Celle hatte ein Verein "Heide-Heim" ein Anwesen gekauft, das über Jahre hinweg als Veranstaltungs- und Tagungsort für rechtsextreme und rassistische Gruppen diente. Nach dem Verbot des Vereins im Jahre 1998 fiel das Grundstück an das Land Niedersachsen. Von einem Sitz im Ausland dürfte sich Rieger besseren Schutz gegen derartiges Ungemach erwarten.

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 Heisenhof in Dörverden
© Manfred Tegge
externer LinkWebseite des Originalbildes

Tatsächlich handelt es sich bei der "Wilhelm-Tietjen-Stiftung" jedoch nicht um eine bei der englischen "Charity Commission" gemeldete gemeinnützige oder wohltätige Organisation, sondern um eine Briefkastenfirma, deren Adresse über ein "virtuelles Büro" im teuren Londoner Stadtteil Kensington läuft. Direktor der Firma ist Rieger, als Sekretärin ist im englischen Firmenregister seine Lebensgefährtin angegeben. Die zwei Geschäftsanteile der Firma zu je einem britischen Pfund sind im Besitz von Rieger. Der zum 30.11.2003 abgeschlossene Jahresbericht der Firma weist keinerlei Umsätze aus; im Firmenregister ist die "Wilhelm Tietjen Stiftung Fuer Fertilisationsforschung Limited" als "ruhend" (dormant) bezeichnet. Als Geschäftszweck wird dort "Werbung" (advertising) angegeben.

Der Heisenhof war während des Zweiten Weltkrieges Verwaltungssitz einer Munitionsfabrik, in der auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene beschäftigt waren. Ab 1957 war dort die Standortverwaltung der in der Nähe liegenden "Niedersachsenkaserne" der Bundeswehr untergebracht.

Die örtliche Politik zeigt sich über den Erwerb des Heisenhofs durch einen Rechtsextremisten entsetzt. Mit planungsrechtlichen Mitteln soll nun versucht werden, eine Nutzung des Heisenhofs durch Rieger zu rechtsextremen Zwecken zu verhindern.

Neben den jetzt durch die "Wilhelm-Tietjen-Stiftung" erworbenen Immobilien, dem Gut Sveneby und dem Komplex in Hameln besitzt Rieger noch weitere Liegenschaften im schleswig-holsteinischen Hummelfeld und in Mecklenburg-Vorpommern.