| Rechtsextremisten / Antisemitismus / Holocaustleugner | |||
| Ein neues Germanien in alten Gemäuern |
|
|
|
| inforiot | |||||||||
| 01.03.2009 | |||||||||
|
Prignitz. Im "Fürstentum Germania" droht ein Tummelplatz für Antisemitismus, eso-romantische Lebensvorstellungen und Verschwörungstheorien zu entstehen.
Nur knapp 3.900 EinwohnerInnen hat die Gemeinde Plattenburg im Nordwesten der Prignitz. Und trotz dieser bescheidenen Größe gerät das Örtchen immer wieder in die Schlagzeilen.
Worum es geht – ein antidemokratischer Abenteuerspielplatz
Das Schloss in Krampfer mitsamt 4.000 Quadratmetern Boden habe – nach Eigenangaben gegenüber der
Derzeit sieht die Realität des Projekts "Fürstentum Germania" allerdings wenig glanzvoll aus. Es gibt – erstens – das verfallene, nicht winterfeste Schloss, in dem sich nach einem Das Personal
Auf der Esoterik-kritischen Webseite Esowatch ist inzwischen ein umfangreiches Dem "Fürstentum" nahe steht übrigens Jo Conrad, dem auf "Fürstentum"-Webseiten gedankt wird und der das Projekt unter anderem als Moderator und mittels eines Interviews mit Jessie Marsson unterstützt. Jo Conrad ist Autor von verschwörungstheoretischen und antisemitischen Bücher. Er bezieht sich in seinen Schriften auf die antisemitische Fälschung der "Protokolle der Weisen von Zion". Sein Internetforum ist Anlaufplatz für rechte Esoterikfans.
Verbindungen zur knallharten Holocaust-Leugner-SzeneWenn man über das "Fürstentum Germania" recherchiert, landet man auch blitzschnell bei der ganz harten, rechtsextremen Propaganda. Nur ein Beispiel: Wer die Homepage vom "Deutschen Volksblatt" aufruft, wird mit Zitaten willkommen geheißen, die zeigen sollen, dass das Judentum 1933 Deutschland den "heiligen Krieg" erklärt habe. Die dafür benutzten Grafiken entstammen dem Film "Schwindler‘s List" – einem antisemitischen Machwerk von HolocaustleugnerInnen. Nach dieser Begrüßung lädt die Internetpublikation "Deutsches Volksblatt" sogleich dazu ein, sich über einen "neuen Staat innerhalb der Grenzen der BRD" zu informieren. Der dazugehörige Link führt direkt zur Homepage vom "Fürstentum Germania". Kein Wunder: Der "German News Service", der das "Deutsche Volksblatt" herausgibt, ist eine mittlerweile erloschene Firma, deren Adresse auf den Namen "Jessie Micheal Freiherr von Pallandt" registiert ist.
Auf der Gründungsveranstaltung waren wenig überraschend auch Holocaustleugner zugegen. Ein Foto dokumentiert etwa die Anwesenheit des einschlägig bekannten Bernhard S. Arnhold. Auch der mehrfach vorbestrafte "Reichsdeutsche" "Hilfe" für Opfer sexuellen MißbrauchsBei der Gründungsveranstaltung wurden auch so genannte "Ritter der Menschenrechte" gewählt. Diese sollen als Schutzpatrone für Kinder und Jugendliche fungieren, welche Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sind. Marsson selbst wurde nach eigener Aussage 1993 missbraucht. Im "Fürstentum" soll laut Marsson ein Heim für jugendliche Opfer sexueller Gewalt entstehen. Welche Qualität würde diese Betreuung durch antidemokratische Verschwörungstheoretiker wohl haben, wenn es tatsächlich dazu kommen sollte? Welchen Schaden würden diese Kinder und Jugendlichen wohl nehmen? Das schon erwähnte Dossier auf Esowatch berichtet indes über Hinweise, dass "Fürstentum"-Sprecher Marsson sich zugunsten eines wegen Volkverhetzung und Kinderporno-Delikten vorbestraften Mannes eingesetzt und geäußert hat.
Verwirrungen in der BewertungDie Äußerungen und die Traktate, die aus dem Umfeld des "Fürstentum Germania" öffentlich werden, sind zahlreich und häufig widersprüchlich. Mal wird beispielsweise verkündet, man wolle mit Alternativgeld experimentieren, mal wiederum heißt es, Geld solle komplett abgeschafft werden. So ist es nicht verwunderlich, dass die EinwohnerInnen von Plattenburg verunsichert sind, was sie von ihren neuen Nachbarn halten sollen. Der Plattenburger Gemeinderat fühle sich laut der MAZ-Berichte "überrumpelt" und die Bürgermeisterin gibt sich ratlos: "Ich weiß nicht, was für Ziele diese Leute verfolgen." Bis auf Polizeistreifen scheint es übrigens staatlicherseits bisher keine Reaktionen gegeben zu haben. Auch der Brandenburger Verfassungsschutz scheint desinteressiert – es lägen derzeit keine Anzeichen für verfassungsfeindliche Bestrebungen vor, berichtet die MAZ. Die Verbindungen der Fürstentümler bis in die neonazistische Holocaustleugnungs-Szene scheinen dort also nicht bekannt zu sein oder für nennenswert gehalten zu werden. Der Sektenbeauftragte der evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg gab gegenüber der MAZ ebenfalls eine bemerkenswert realitätsferne Einschätzung ab: Er könne im "Fürstentum" nichts "rechts gestricktes" erkennen sondern sehe eher links angehauchte Anarchisten am Werke.
Dieser Artikel erschien zunächst bei |
|||||||||