| Neonazis | |||
| Racherufe und Drohgebärden |
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| redok | |||
| 10.10.2009 | |||
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Berlin. In angespannter Atmosphäre zogen heute 750 Neonazis durch Berlin. Die Demonstration sollte sich gegen "linke Gewalt" richten, obwohl die als Anlass genommene Gewalttat gegen eine von Neonazis besuchte Kneipe nach Erkenntnissen der Polizei keinen politischen Hintergrund hatte. Davon ließen sich die als aggressiver "Schwarzer Block" auftretenden Neonazis nicht beirren: Ein Opfermythos soll den "Nationalen Widerstand" zum "Nationalen Angriff" befördern. Während des Umzuges wurde nach "Rache" gerufen, die namentlich genannte Nazigegner treffen soll.
Am vergangenen Wochenende hatten mehrere vermummte Täter in der Nacht zum Sonntag (4. Oktober) Brandsätze gegen die Kneipe "Zum Henker" in Berlin-Oberschöneweide geschleudert, die örtlichen Neonazis seit einiger Zeit als Stammlokal dient. Glücklicherweise hatten die Brandsätze keine Wirkung; sowohl die Kneipe als auch das darüber liegende Wohnhaus blieben unbeschädigt. Zum Zeitpunkt des Anschlages hatten sich etwa 40 Neonazis in dem Lokal aufgehalten, die sofort die maskierten Täter verfolgten. Mit dem Fluchtwagen - einem Audi A6 - verletzten diese einige der Neonazis, der 28-jährige Enrico S. wurde lebensgefährlich verletzt. Er ist weiterhin in intensivmedizinischer Behandlung. Am gestrigen Freitag Abend hatte die Polizei die Festnahme von sieben Männern zwischen 20 und 42 Jahren gemeldet, die der Tat dringend verdächtig sind. Nach Angaben der Ermittler waren diese Männer eine Woche vor dem Anschlag am 26. September beim "Henker" abgewiesen worden, dabei sollen sie auch angegriffen und verletzt worden sein. Den Brandanschlag hätten sie dann aus Rache verübt. Eine politische Motivation habe nicht bestanden; die Männer seien "weder der rechten noch der linken Szene zuzuordnen", so die Polizei. Damit war den Neonazis eigentlich der Anlass für die heutige Demonstration genommen, zu der sie kurzfristig bundesweit aufgerufen hatten. Schon kurz nach dem Anschlag hatten sie den zuerst gegebenen konkreten Hinweis auf das Fabrikat des Fluchtfahrzeugs aus ihren Verlautbarungen wieder entfernt. Der "Audi A6 mit Thüringer Kennzeichen" - ein Fahrzeug der oberen Mittelklasse - wollte wohl nicht so recht in das Bild einer Antifa-Gruppe als Anschlags-Täter passen, und so wurde er schnell zum allgemeinen "Auto", das sich dann wohl besser ins Bild "linker Gewalttäter" fügte. Auch heute Mittag machten sie bereits vor dem Abmarsch am Fernsehturm klar, dass sie die Gelegenheit nutzen wollten. Die Erkenntnisse der Polizei wurden als unglaubwürdig abgetan; offenbar sollte auf Biegen und Brechen ein Opfermythos konstruiert werden. Hilfsweise wurde auf - so wörtlich - "unser Vorbild SA" verwiesen: die Nazi-Sturmabteilung aus der Zeit der Weimarer Republik und deren Opfer durch "rote Mörderbanden". Alt-Neonazi Christian Worch erinnerte an seine "erste Straßenschlacht" vor mehr als 30 Jahren und stimmte damit die Fußtruppen auf den folgenden Aufmarsch ein. Schließlich zogen nach Polizeiangaben 750 Neonazis durch Berlin-Mitte und Friedrichshain. Viele kamen aus der Region Berlin-Brandenburg, doch ein großer Teil war auch aus dem restlichen Bundesgebiet von Schleswig-Holstein bis Bayern angereist. Vertreten waren beispielsweise eine "Aktionsgruppe Kiel" und das "Freie Netz Süd", die in den jeweiligen Regionen als ausgesprochen militant gelten. Entsprechend fiel auch das Auftreten der Demonstranten aus, die als Gemengelage zwischen "Autonomen Nationalisten" und Nazi-Skinheads fast ausnahmslos im schwarzen Straßenkampf-Outfit marschierten. Als Prominenz von der NPD war einzig der Berliner Landesvorsitzende Jörg Hähnel erschienen. Unbeanstandet hieß es auf Demo-Transparenten: "Eines Tages werden wir uns fürchterlich rächen". Auf eigens für den Tag hergestellten Sweatshirts war von einer "Oktoberrevolution" am heutigen 10. Oktober die Rede, dazu hieß es drohend: "Seid wachsam, denn ihr kennt weder den Tag noch die Stunde". Einen Höhepunkt erreichte das martialische Auftreten am Platz der Vereinten Nationen, wo unter Trommelwirbel die Namen von rechten Todesopfern angeblich linker Gewalt verlesen wurden. Allerdings konnten keine Namen heutiger Neonazis genannt werden, und so wurden heute der im Dritten Reich als Opfermythos allgegenwärtige Horst Wessel sowie andere SA-Männer jeweils mit einem "Rache!"-Schrei ausgerufen. Wen diese Rache treffen soll, verheimlichten die Neonazis keineswegs. So wurde vom Lautsprecherwagen etwa ein halbes Dutzend Namen von Nazi-Gegnern als angebliche Strippenzieher von Gewalttaten gegen Neonazis genannt. Noch weiter gingen die Organisatoren der Demo, die hinter dem Anschlag auf den "Henker" nicht nur linkes Fußvolk sahen, sondern "Politiker aller Parteien" bis hin ins Berliner Abgeordnetenhaus sowie "Demokratie- und Toleranzvereine", die "Hintermänner der roten Mordbanden" seien. Diese Personen hätten "Namen und Adressen", wurde unverblümt mit Terror gedroht.
Innerhalb weniger Tage hat sich in der vergangenen Woche die militant-nationalsozialistische Szene selbst einen Quantensprung verordnet. Mit dem ausdrücklichen Rückgriff auf "Weimarer Verhältnisse" wird nun zwar ohne aktuelle Opfer, dafür aber mit umso mehr herbeigefühlten Rachephantasien der Umschwung vom "Nationalen Widerstand" zum "Nationalen Angriff" erklärt. Dass dabei gleich noch die heutige Teilnehmerzahl in manchen Kreisen mit "2.500 Deutsche Bürger" ins Uferlose phantasiert wurde, unterstreicht den derzeitigen Realitätsverlust in Teilen der extremen Rechten. Diese Mischung aus eingebildetem Opfer-Status und überzogener Vorstellung eigener Stärke könnte in nächster Zeit ein gefährliches Gebräu werden. |
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