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"Gesundheitssöldner" im Dienste des Judentums PDF Drucken E-Mail
mk   
15.11.2009
Seit Wochen wird unter dem Titel "Artikel aus der mexikanischen Tageszeitung La Jornada" ein Text verbreitet, in dem ein bunter Mix von Tatsachen, Halbwahrheiten und Erfundenem zu einer Theorie von einer umfassenden Verschwörung zwischen "transnationalen Pharmariesen" angerührt wird. Behauptet werden angeblich destruktive Hintergründe der Impfung gegen die so genannte Neue Grippe ("Pandemie H1N1 2009" oder Schweinegrippe). Eigentlicher Grund sei eine "Pandemie der Profitg(e)ier". redok hat sich mit der Pandemie eines "mexikanischen Zeitungsartikels" beschäftigt.

Die Aufforderung "Übermitteln Sie diese Nachricht nach allen Seiten" lässt bereits eingangs vermuten: Hier handelt es sich nicht um einen Zeitungsartikel, sondern um einen E-Mail-Kettenbrief. Tatsächlich ging bereits 2006 ein Vorläufer dieses Textes in Sachen Vogelgrippe um. Ebenfalls bereits im März 2006 machte der externer LinkHoax-Info Service der Technischen Universität Berlin auf diesen Kettenbrief aufmerksam.

Typisch für einen Hoax (Hoax = Falschmeldung, Ente) ist dabei die Nennung unterschiedlicher, immer aber scheinbar glaubwürdiger Quellen. So werden als Ursprung des aktuellen Schweinegrippe-Textes mal die mexikanische Zeitung "La Jornada" oder ein Autor namens "Chiggy Finneiser" angegeben. Im Text werden als angebliche Quellen mal das Bayerische Katastrophenschutzgesetz (BayKSG) oder die US-amerikanische Seuchenbehörde "CDC des Pentagons" genannt. Gelegentlich wird der Text in einem Einschub mit einem Hinweis auf den "Impfkritiker" Stefan Lanka versehen. Lanka vertritt die These, dass es weder den HIV-Virus noch sonstige Viren gibt und gehört zu jenen Protagonisten, die generell keine Grenzen zu irrationalen Feindvorstellungen und Verschwörungsantisemitismus erkennen lassen.

"Schweinegrippe"-Hoax-Text

Es spricht vieles dafür, dass der angebliche "Jornada"-Artikel bei dieser Tageszeitung nie erschienen ist. Nirgendwo bei den zahlreichen Weiterverbreitern wird ein direkter Link zu dem angeblichen Artikel angegeben, im Internetarchiv des mexikanischen Blattes ist er nicht auffindbar. Der an einigen Stellen seit dem November 2009 als Autor angegebene "Chiggy Finneiser" existiert offensichtlich nur im deutschsprachigen Internet.

Eine neue Wortschöpfung in diesem Hoax ist der Begriff "Gesundheitssöldner". Die gezielte Internetsuche nach diesem Neologismus führt zu älteren Beiträgen vom Sommer 2009 mit fast identischen Texten. Bei diesen fehlt allerdings meist die "Quellangabe" einer mexikanischen Zeitung, stattdessen findet man häufig einen eingeschobenen Hinweis auf Stefan Lanka und dessen Verlag. Auch diese frühe positive Bezugnahme auf Lanka zeigt: dieser Kettenbrief stammt aus dem Umfeld so genannter "Impfkritiker". Die externer LinkArgumente dieser Impfgegner beschränken sich dabei keineswegs auf Wirkung und Langzeitfolgen von Impfstoffen. Vom Impf-Holocaust ist da die Rede, einem "Holocaust, der medizinisch getarnt, die ganze Menschheit bedroht" - so Stefan Lanka in der Ankündigung zu seinem mit Karl Krafeld veröffentlichten Buch "Impfen und AIDS: Der Neue Holocaust".

Lanka sorgt derzeit auch in der Schweiz für Aufregung. So berichtet der Schweizer externer LinkTages-Anzeiger vom 28.10.09 im Zusammenhang mit dem Nationalrat der Schweizerischen Volkspartei (SVP) Peter Föhn - der ebenfalls die Existenz von Viren als Krankheitserreger anzweifelt - von einem indirekten Gewaltaufruf Lankas an die Schweizer: Dieser erinnere die Schweizer daran, dass "fast jeder Wehrfähige eine ordentliche Spritze zu Hause" habe, nämlich ein Sturmgewehr. Andere bekannte Protagonisten der "Impfkritik" wie Michael Kent (mit bürgerlichem Namen Michael Hinz), Hans Tolzin, Michael Leitner oder Angelika Kögel-Schauz leugnen ebenfalls die Existenz von Viren gänzlich oder bestreiten prinzipiell den Nutzen von Impfungen. Sie kommen nicht selten aus dem Umfeld der externer Link"Germanischen Neuen Medizin" (GNM) oder dem der Scientologen. Eine knappe Übersicht bietet die Webseite esowatch.com.

"Schweinegrippe"-Hoax-Text

Bei vielen dieser "Impfkritiker" steht dabei eine umfassendere Verschwörungstheorie im Hintergrund. Mit Behauptungen von angeblich im Impfstoff enthaltenen Nano-Chips, von "unterdrückten Berichten über Impftote im Ausland", einem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) durch verseuchten Impfstoff geplanten Massengenozid, angereichert mit "Geheimberichten" von Militärpersonal, das Zwangsimpfungen trainiere, wird über vermeintlich unglaubliche Hintergründe zur Schweinegrippe "aufgeklärt". Quelle des Virus wie des absichtlich schädlichen Impfstoffes gleichermaßen ist immer die "böse" Pharmaindustrie, sind die "bösen" USA, deren "finstere Hintermänner" und "geheime Machenschaften". Fehlen dürfen dann auch nicht der Hinweis auf Rumsfeld und den Irakkrieg, US-amerikanische Militär-Labors und die "Aussage" eines angeblichen Mikrobiologen beim israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad zu "H1N1 2009" als "Biowaffe" - und als solche dem Holocaust "um das Millionenfache überlegen".

Aktuell wird der "Schweinegrippe"-Hoax von einer breiten "Koalition" veröffentlicht, die von der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) bis hin zur Holocaust-Leugner-Szene reicht. Parteiübergreifend ist man sich darin einig, dass es sich bei der "Neuen Grippe" um eine Inszenierung der Pharma-Industrie handelt. So versteht es auch der niedersächsische NPD-Kreisverband Osterode, um dann auf diesen Hoax-Text zu verweisen. Die DVU Berlin spricht von "Schweinegrippen-Panikmache" durch die "Pharmalobby-FDP". Im neonazistischen Thiazi-Forum findet man den angeblichen mexikanischen Zeitungsartikel ebenso wie einen weiteren Internet-Text zum von der WHO und den "mit ihr verbundenen Interessengruppen" geplanten Genozid. Und bei den Neonazis von "Altermedia" ist es dann schlussendlich auch eine "jüdische Firma", die an dem "Superimpfstoff gegen Schweinegrippe" arbeitet.

Es gilt auch weiterhin der Grundsatz:
Kettenbriefe sind kein adäquates Medium zur Kommunikation seriöser Anliegen.
(externer LinkHoax-Info Service )