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Antisemitismus / Zeitgeschichte
Linker Antisemitismus PDF Drucken E-Mail
ak   
06.12.2009
Aktuelle Vorgänge haben vermehrt einen "linken Antisemitismus" zum Thema gemacht. Vielfach wird bestritten, dass es überhaupt Antisemitismus bei der politischen Linken geben könne; schließlich gehöre das Eintreten gegen Rassismus jeder Art grundlegend zu linken Vorstellungen. Kein Problem haben manche Linke dagegen mit "Antizionismus", der etwas ganz anderes sei. Ein kurzer historischer Rückblick zeigt jedoch: "Antizionismus" war und ist nichts anderes als eine rationalisierte und verkleidete Form des Antisemitismus.

Während der Zionismus als ideologisches Konstrukt und als jüdische Nationalbewegung bereits weit über hundert Jahre alt ist, hat der "Antizionismus" als politischer Ideenbegriff erst nach 1945 Karriere gemacht. Heute steht er insbesondere bei linken Gruppierungen oft innerhalb eines "Kanons" in einer Reihe mit "Antirassismus", "Antifaschismus", "Antiimperialismus", "Antisexismus" und anderen Bereichen politischer Aktivitäten.

Vor 1945 war im damals einzigen sozialistischen Land, der Sowjetunion, der in Russland virulente Antisemitismus zwar zurückgedrängt worden, aber keineswegs verschwunden. Literarisch gibt der Jahrhundertroman "Leben und Schicksal" von externer LinkWassili Grossman darüber Zeugnis. In der Politik des Stalin-Regimes hatte der Antisemitismus offiziell keinen Platz. Juden waren als "Nationalität" innerhalb der Sowjetunion anerkannt; 1931 wurde im russischen Fernen Osten das Jüdische Autonome Gebiet externer LinkBirobidschan errichtet.

Nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion wurde dort der "Große Vaterländische Krieg" ausgerufen. Jede Unterstützung war nun willkommen, ob von den kapitalistischen USA, der orthodoxen Kirche oder von den sowjetischen Juden. Bekannte Juden gründeten das externer Link"Jüdische Antifaschistische Komitee" (JAFK), darunter Schriftsteller wie Ilja Ehrenburg und Wassili Grossman.

Nach dem Sieg über Deutschland war das JAFK jedoch plötzlich nicht mehr gefragt. Ehrenburg und Grossman hatten auf Anregung von Albert Einstein ein externer LinkSchwarzbuch über die Ermordung der Juden durch die Nazis im Gebiet der Sowjetunion erarbeitet. 1946 erschien in Amerika eine erste Ausgabe - in der Sowjetunion wurde es dagegen niemals veröffentlicht, die bereits fertigen Druckplatten wurden zerstört. Später wurden Mitglieder des JAFK verhaftet: die Vorwürfe lauteten "Illoyalität" und "Kosmopolitismus".

Der zionistischen Bewegung gegenüber, die damals von linken Bewegungen und Parteien geprägt war, nahm die Sowjetunion eine positive Haltung ein. Nach dem Ende des britischen Mandats für Palästina sah der UN-Teilungsplan die Errichtung eines arabischen und eines jüdischen Staats vor. Die Briten hatten sich bei der UN-Abstimmung der Stimme enthalten und verhielten sich reserviert zu diesem Plan. Kurz vor Auslaufen des Mandats hatten sie einen Bündnisvertrag mit König Abdallah von Transjordanien abgeschlossen. Nach der Gründung des Staates Israel war die Sowjetunion das erste Land, das den neuen Staat anerkannte, bald gefolgt von den USA.

Angesichts des militärischen Angriffs der umliegenden arabischen Staaten war von den USA allerdings keine handfeste Hilfe für Israel zu erwarten, denn diese hatten ein Waffenembargo über die Region verhängt. Die einzige Quelle für Waffenlieferungen war die bereits im Einflussbereich der Sowjetunion stehende Tschechoslowakei.

Die Sowjetunion versprach sich von Israel einen Bündnispartner in der Region, der der kommunistischen Weltanschauung zudem ideologisch und gesellschaftspolitisch näher stand als die feudalen arabischen Regimes. Dort hatten nach 1945 und später Nazi-Funktionäre Zuflucht gefunden wie etwa externer LinkJohann von Leers in Ägypten oder externer LinkAlois Brunner in Syrien.

Doch in der Sowjetunion hatten sich die Verhältnisse für die Juden weiter verschärft. Stalin ließ 1949 eine Kampagne gegen "externer Linkheimatlose Kosmopoliten" beginnen, die 1953 in der "externer Linkjüdischen Ärzteverschwörung" gipfelte. Dreizehn jüdische Schriftsteller waren 1952 exekutiert worden. In der Tschechoslowakei stellte im gleichen Jahr der externer LinkSlánský-Prozess einen eindeutig antisemitischen Höhepunkt dar.

Damit war der traditionelle russische Antisemitismus in die offizielle sowjetische Politik eingezogen. Ideologisch wurde der Antisemitismus nun als Kampf gegen "Kosmopoliten" ausgegeben - und als Kampf gegen den "Zionismus". Die Beziehungen zu Israel verschlechterten sich rapide. Die Suez-Krise 1956 besiegelte den Schwenk der Sowjetunion im Nahen Osten zu den arabischen Staaten und damit auch die grundsätzliche Frontstellung gegen Israel. Damit war die sowjetische Außenpolitik zusammen mit dem innerpolitischen Kampf gegen "Kosmopoliten" zur Wurzel des "Antizionismus" geworden, unter dessen Fahne sich nun arabische nationalistische Regimes wie auch die sozialistischen Länder vereinen konnten.

Die politische Linke im Westen übernahm diesen "Antizionismus", mit dem schließlich die Existenzberechtigung des Staates Israel negiert wurde. Bei anderen Staaten im Nahen Osten, die ebenfalls nach dem 2. Weltkrieg gebildet wurden, stand dagegen bei der Linken die Existenzberechtigung nie in Frage. Einen "Antijordanismus" gab es nicht.

Auch die nationalistischen und die panarabischen Bewegungen wurden keineswegs so grundsätzlich in Frage gestellt. Der externer LinkBaathismus - eine arabische Form eines nationalen Sozialismus - hat keinen "Antibaathismus" bei der Linken bewirkt.

Entgegen den historischen Gegebenheiten - also der zurückhaltenden Politik der Briten gegenüber Israel und der anfänglich starken Unterstützung durch die Sowjetunion - wurde der Staat Israel nun weitgehend als koloniales Projekt der kapitalistisch-imperialistischen Länder dargestellt, die damit einen Brückenkopf im Nahen Osten errichtet hätten.

An dieser grundsätzlichen Übernahme der damaligen sowjetischen Außenpolitik und ihrer ideologischen Ausformung und Verkleidung als "Antizionismus" hat sich seit Mitte der 1950er Jahre nichts geändert. Auch die Zersplitterungen und Spaltungen der Linken in Trotzkisten, orthodoxe Kommunisten Moskauer Prägung, Maoisten, Anhänger von nationalen Befreiungsbewegungen in der "Dritten Welt" haben keine Änderung dieser "antizionistischen" Konstante bewirkt. Terroristisch ausgerichtete Gruppierungen wie die RAF oder die "Revolutionären Zellen" (RZ) verbündeten sich mit Palästinenser-Organisationen und unterstützten deren Kampf gegen Israel. Zwei deutsche RZ-Angehörige waren 1976 an einer Flugzeugentführung einer Air-France-Maschine von Tel Aviv nach Paris beteiligt, bei der sie das Vorgehen der SS bei der Judenvernichtung wiederaufnahmen: Sie selektierten die jüdischen Passagiere als Geiseln und ließen die anderen Passagiere frei.

Auch nach dem Ende der Sowjetunion und der sozialistischen Ostblock-Staaten hat der einst als moderne ideologische Ausprägung eines traditionellen russischen Antisemitismus sowie einer zeithistorischen sowjetischen Außenpolitik gebildete Antizionismus seine Bedeutung in der politischen Linken nicht grundsätzlich verloren. Er gehört zum linken Inventar und wird bislang nur von Teilen der Linken grundsätzlich in Frage gestellt.

Der seit Jahrzehnten ungelöste Nahostkonflikt wird mit eindeutigen Freund-Feind-Bildern interpretiert, während bei anderen Nationalkonflikten wie etwa dem lang andauernden Bürgerkrieg in Sri Lanka oder dem Dauerkonflikt zwischen Indien und Pakistan keineswegs derart einseitig Partei ergriffen wird. Man muss auch nicht zwangsläufig für Tamilen oder Singhalesen Partei ergreifen, doch wenn jemand in einem derartigen Konflikt vehement Partei ergreift, wird man nach den Gründen fragen dürfen, die man dann vielleicht beispielsweise als "Antitamilismus" bezeichnen könnte, aber keinesfalls als dermaßen ideologisch-weltanschaulich aufgeladenes Konstrukt wie den Antizionismus begreifen kann.

Der "Antizionismus" als weltanschaulich begründete Frontstellung gegen eine bestimmte Nationalbewegung ist ein einzigartiges Phänomen, denn er richtet sich wie der ebenfalls einzigartige klassische "Rassen"-Antisemitismus nur gegen eine Zielgruppe. Er richtet sich nicht gegen Nationalstaaten oder Nationalbewegungen an sich, sondern nur gegen eine Bewegung, gegen einen Staat. Er richtet sich nicht gegen Militär und Krieg an sich, sondern gegen ein bestimmtes Militär. Er richtet sich nicht gegen Kriegsverbrechen an sich, sondern gegen vermeintliche oder tatsächliche Kriegsverbrechen einer Seite. Antizionismus ist die moderne Form des diskreditierten Antisemitismus, die in weiten Teilen der politischen Linken immer noch als salonfähig angesehen wird. Solange dieser Teil der politischen Linken den Antizionismus nicht ablegt, hat er in maßgeblichen politischen Ämtern nichts zu suchen.