| Rechter Rand | |||
| Auslese-Nostalgie bei der Jungen Freiheit |
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| Stefan Kubon | |
| 24.01.2010 | |
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Am Ende des vergangenen Jahres wiesen protestierende Schüler und Studenten auf die Missstände im deutschen Bildungssystem hin. Unlängst sah sich nun auch die rechte Zeitung Junge Freiheit dazu berufen, Defizite in der Bildungslandschaft festzustellen. Mit der Kritik der Protestbewegung haben die Verlautbarungen des reaktionären Blatts freilich nichts gemein: In einem Leitartikel wurde verkündet, das Hauptproblem an deutschen Schulen sei die mangelnde Auslese.
"Mut zur Differenz" lautet die Überschrift des Aufmachers der rechten Zeitung Junge Freiheit (JF) vom 8. Januar dieses Jahres. In der zweiten Titelzeile bringt der Verfasser des Leitartikels Karlheinz Weißmann seine These von der fehlenden Auslese an deutschen Schulen noch eher kryptisch zum Ausdruck, denn dort heißt es: "Auslese als Tabu: Das einstmals vorbildliche deutsche Bildungssystem leidet an einem Krebsschaden". Doch gegen Ende des Artikels resümiert Weißmann, der als Geschichts- und Religionslehrer an einem deutschen Gymnasium tätig ist, schließlich ganz konkret: "Denn jeder weiß oder kann wissen, daß der Krebsschaden unseres Schulsystems fehlende Auslese ist." Natürlich kann auch Weißmanns Brachialmetapher "Krebsschaden" nichts daran ändern, dass es allein angesichts der großen Zahl von Schul- und Studienabbrechern schlichtweg absurd ist, dem deutschen Bildungssystem ausgerechnet einen Mangel an Auslese vorzuwerfen. Gleichwohl passt die groteske These von der fehlenden Auslese zu dem zutiefst reaktionären Geschichtsbild, das in dem Artikel gezeichnet wird. So verkündet Weißmann beispielsweise, dass das deutsche Bildungssystem bis in die Nachkriegszeit von vorbildlicher Qualität gewesen sei. Bei seiner restaurativen Argumentation arbeitet der Autor, der als führender Kopf der intellektuellen neuen Rechten gilt, auch mit chauvinistischen Denkmustern: "Bis in die Nachkriegszeit dürfte das deutsche Bildungssystem das beste der Welt gewesen sein." Weißmann gibt sich als ein entschiedener Gegner der Bildungsreformen zu erkennen, die im Zuge der Studentenrevolte von 1968 auf den Weg gebracht wurden. Dementsprechend datiert er den Beginn des vermeintlichen Niedergangs des deutschen Bildungssystems in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts: "Die Ursache dieser Misere ist so bekannt, daß ein Aufstöhnen zu vernehmen ist, sobald man sie nennt. Aber es bleibt dabei, daß die Denunziation des Leistungsprinzips durch die Linke und deren unheilige Allianz mit Bildungsbürokratie wie Konsumindustrie seit den sechziger Jahren eine Entwicklung vorbereitet und durchgesetzt hat, an deren Ende wir heute stehen." Der Leitartikler der JF glaubt, dass das deutsche Bildungssystem bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts eine Erfolgsgeschichte gewesen sei: "Der Aufstieg der Industrienation sowie der Wiederaufbau nach den zwei Weltkriegen 1918 und 1945 verdankten sich vor allem Leistungswillen und Leistungsfähigkeit der Deutschen und einem Bildungssystem, das darauf abgestimmt war, beides zu beanspruchen und zu belohnen, das heißt: Auslese zu treiben." Kritik an der Demokratisierung des BildungssystemsEine wesentliche Ursache für den vermeintlichen Niedergang des deutschen Bildungssystems sieht Weißmann darin, dass angeblich in der Nachkriegszeit damit begonnen wurde, "Schule wie Hochschule mit Forderungen zu überziehen, die sie nicht erfüllen konnten." In diesem Kontext kritisiert der Autor die "Idee, in den Bildungseinrichtungen den demokratischen (fallweise: sozialistischen) Zukunftsmenschen vorzubereiten". Dass im deutschen Bildungswesen seit den 60er Jahren verstärkt demokratische Wertmaßstäbe vermittelt wurden, ist Weißmann offensichtlich ein Dorn im Auge. Doch bezeichnenderweise hat er kein Problem damit, dass an deutschen Schulen bis in die 60er Jahre - zumindest in den gesinnungsbildenden Fächern - im großen Stil antidemokratische Lehrinhalte verbreitet wurden, die letztlich auch noch den Geist des obrigkeitsstaatlichen Deutschen Kaiserreichs atmeten. Weißmann scheint seinen Lesern das Märchen auftischen zu wollen, bis in die 60er Jahre habe im deutschen Bildungssystem eine weitgehend wertneutrale Wissensvermittlung und eine entsprechende Leistungskontrolle stattgefunden. Natürlich war dies weder im Kaiserreich, noch in der Weimarer Republik, ganz gewiss nicht im "Dritten Reich" und selbstverständlich auch nicht in der Frühphase der Bundesrepublik Deutschland der Fall. Der Gedanke eines "wertneutralen" Bildungssystems ist ohnehin grundsätzlich eine Paradoxie. Weißmanns Geschichtsdarstellung wird freilich insbesondere durch die Schrecken der nationalsozialistischen Herrschaftsphase Lügen gestraft. Wobei sich dieser Schrecken bekanntlich nicht darauf beschränkte, dass Menschen vom deutschen Bildungssystem ausgeschlossen wurden. Tatsächlich scheint es Weißmann auch irgendwie bewusst zu sein, dass sich seine verwegene Huldigung des deutschen Bildungssystems nicht mit der historischen Realität in Einklang bringen lässt. Bedauert er doch zu Beginn seines Artikels: "Das zentrale Tabu der deutschen Bildungspolitik ist der Begriff 'Auslese'. Er darf nicht benutzt werden - oder bloß im negativen Sinn, wenn er hinreichend stark mit Darwinismus oder der Rampe von Auschwitz zu assoziieren ist. Ansonsten gilt das für Tabus übliche Erwähnungsverbot." Auch wenn es ihm im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus nicht gänzlich gelingt: Ganz offensichtlich bemüht sich Weißmann darum, die Schattenseiten der deutschen Geschichte möglichst auszublenden. Da ist es dann auch kein Wunder, dass er für die Vermittlung von demokratischen Werten an deutschen Schulen wenig übrig hat. Denn dadurch würden die besagten Schattenseiten ja greifbarer werden. Nationalistischer Leistungskult statt DemokratieFür Weißmann scheint vor allem entscheidend zu sein, dass durch das deutsche Bildungssystem Leistungen erbracht werden, die in ihrer machtpolitischen Bedeutung den Leistungen der Bildungssysteme anderer Länder überlegen sind. Angesichts dieses Leistungsbegriffs, der auf ethische und demokratische Maßstäbe weitgehend verzichtet, verwundert es nicht, dass der Autor im Verlauf seines Artikels abermals zu einem ziemlich pauschalen Loblied auf das deutsche Bildungswesen der ersten 60 Jahre des vergangenen Jahrhunderts ansetzt: "Die Qualität der deutschen Facharbeiterschaft, die durch die Volksschulen gegangen war, konnte - wie die der technischen Intelligenz, die Real-, Fach- und Fachoberschulen besuchte, oder die der hauchdünnen Schicht von humanistisch Gebildeten - jeden Vergleich zu ihren Gunsten bestehen." Dass die antidemokratischen Wesenszüge des Bildungswesens des Deutschen Kaiserreichs den Aufstieg des Nationalsozialismus entscheidend begünstigt haben, scheint für Weißmann nicht weiter von Bedeutung zu sein. Selbstverständlich führt von der nationalistischen und autoritätsgläubigen Bildungslandschaft des wilhelminischen Reichs keine direkte Linie zu den Verbrechen des nationalsozialistischen Staates. Doch der Umstand, dass es der demokratischen Revolution von 1918/1919 bekanntlich auch im Bildungsbereich nicht gelang, die obrigkeitsstaatlichen Altlasten des Kaiserreichs entscheidend zu entschärfen, erklärt teilweise, warum es den Nationalsozialisten relativ leicht fiel, die erste deutsche Demokratie zu zerschlagen. Tatsächlich blieben die staatlichen Bildungseinrichtungen während der gesamten Zeit der Weimarer Republik mehrheitlich in der Hand des rechten antidemokratischen Lagers. Und viele Lehrkräfte nutzten die Möglichkeit, vom Katheder gegen die erste deutsche Demokratie und den Gedanken der Völkerverständigung Stimmung zu machen. Bericht eines ZeitzeugenSebastian Haffner (1907-1999) hat in seiner Autobiographie "Geschichte eines Deutschen" anhand eines Vorfalls aus seiner Schulzeit exemplarisch die mangelnde Durchschlagskraft der Revolution von 1918/1919 im deutschen Bildungswesen veranschaulicht: "Die Revolution hatte offenbar gesiegt. Andererseits, was bedeutete das nun? Wenigstens festliche Unordnung, Drunter und Drüber, Abenteuer und bunte Anarchie? Keineswegs. Vielmehr erklärte noch an diesem selben Montag der gefürchtetste unter unseren Lehrern, ein cholerischer Tyrann mit böse rollenden Äuglein, 'hier', in der Schule nämlich, habe jedenfalls keine Revolution stattgefunden, hier herrsche weiterhin Ordnung, und zur Bekräftigung dessen legte er ein paar von uns, die sich in der Pause beim Revolution-Spielen besonders hervorgetan hatten, über die Bank und verabreichte ihnen eine demonstrative Tracht Prügel. Wir alle, die wir der Exekution beiwohnten, empfanden dunkel, daß sie ein Symbol von böser und umfassender Vorbedeutung war. An einer Revolution stimmte etwas nicht, wenn bereits am Tage darauf die Jungen in der Schule für Revolution-Spielen verhauen wurden. Aus einer solchen Revolution konnte nichts werden. Es wurde ja denn auch nichts aus ihr." Die Demokratisierung der deutschen Bildungslandschaft, die zur Zeit der Weimarer Republik weitgehend versäumt wurde, musste schließlich in der Nachkriegszeit nachgeholt werden. Dank der Bildungsreformen der 60er und 70er Jahre wurde beispielsweise die zuvor verbreitete Körperstrafe abgeschafft. Zudem ist es dem Reformwillen dieser Jahre zu verdanken, dass der einstmals im deutschen Bildungssystem vorherrschende Geist des Nationalismus und des obrigkeitsstaatlichen Denkens zurückgedrängt werden konnte. Die jüngsten Schüler- und Studentenproteste haben freilich in Erinnerung gerufen, dass im deutschen Bildungssystem nach wie vor einiges im Argen liegt. Gleichwohl darf man natürlich froh sein, dass das JF-Märchen von der einstmals vorbildlichen deutschen Bildungslandschaft heutzutage nicht mehr mit dem Rohrstock verbreitet werden darf. |