start arrow rezension arrow Aufrechter Gang
Rezension
Aufrechter Gang PDF Drucken E-Mail
Anton Maegerle   
03.02.2010
Der österreichische Journalist und Holocaustüberlebende Karl Pfeifer ist auf internationaler Ebene ein kompromissloser Kämpfer und Streiter gegen rechten und linken Antisemitismus. Rechtsextremismus und dumpfer Nationalismus sind ihm, der einen großen Teil seiner Familie in Auschwitz verloren hat, seit seiner Kindheit zuwider. Eine jüngst erschienene DVD mit dem Titel "Zwischen allen Stühlen - Lebenswege des Journalisten Karl Pfeifer" zeigt zentrale Orte seines Lebensweges. Orte, an denen er antisemitischen An- und Übergriffen ausgesetzt war und Orte, die ihn für sein politisches Leben geprägt haben. Zu Wort kommen auf der 87 Minuten dauernden Dokumentation auch ehemalige Weggefährten und Mitstreiter Pfeifers.
pfeifer_karl_dvd.jpg Daniel Binder, Mary Kreutzer, Ingo Lauggas, Maria Pohn-Weidinger, Thomas Schmidinger:
Zwischen allen Stühlen. Lebenswege des Journalisten Karl Pfeifer.
DVD-Video, 87 Minuten

Geboren wurde Pfeifer 1928 in Baden bei Wien. Schon als Kind realisierte er die gesellschaftliche Isolation, in der seine jüdische Familie leben musste. 1938 floh Pfeifer mit seinen Eltern in deren Geburtsland Ungarn und musste auch dort die Erfahrung machen, dass er in den Augen vieler Einheimischer nur als "Sau Jud" wahrgenommen wurde. 1940 trat er der sozialistisch-zionistischen Jugendorganisation Haschomer Hatzair bei.

Nach der deutschen Besetzung Ungarns gelang Pfeifer unter falschem Namen auf höchst abenteuerliche Weise mit einem Kindertransport die Flucht nach Palästina. Er arbeitete und lebte dort im Kibbutz Maabarot Chedera. Ab 1947 diente Pfeifer in der Elitetruppe Palmach der jüdischen Selbstverteidigungsmiliz Hagana und später in der israelischen Armee.

Eindrucksvoll schildert Pfeifer im Interview diese Phase seines Lebens, in der er viele seiner Freunde im Kampf für die Freiheit sterben sah. 1951 kehrte Pfeifer wieder zeitweilig in seine alte Heimat Österreich zurück. Dem dort noch immer herrschenden ewiggestrigen Geist entzog er sich mit mehrfachen Orts- und Berufswechseln und avancierte zum Kosmopolit mit Stationen unter anderem in Italien, England, Neuseeland und den USA.

Von 1982 bis 1995 war Pfeifer Redakteur der "Gemeinde", dem offiziellen Organ der Israelitischen Kultusgemeinde in Österreich. Zum Haßobjekt der deutschsprachigen rechtsextremen Szene geriet Pfeifer 1995. Dem an der Fachhochschule Münster lehrenden Politologen Werner Pfeifenberger, einem "Apologeten des Nazitums" (O-Ton Pfeifer), wies er nach, dass dieser in einem Artikel mit dem Titel "Internationalismus gegen Nationalismus - eine unendliche Todfeindschaft?", veröffentlicht im Jahrbuch der "Freiheitlichen Akademie" der FPÖ, das NS-Regime verharmlost und den Juden vorgeworfen hat, Hitler-Deutschland 1933 zum Krieg herausgefordert zu haben. Nach der Anklageerhebung der Wiener Staatsanwaltschaft gegen Pfeifenberger wegen NS-Wiederbetätigung, beging dieser Suizid. Zuvor war Pfeifenberger bereits mit Klagen wegen übler Nachrede gegen Pfeifer in zwei Instanzen gescheitert.

Nach dem Tod Pfeifenbergers wurde in der von dem FPÖ-Politiker Andreas Mölzer herausgegebenen Wochenzeitung "Zur Zeit" gehetzt, der "jüdische Journalist" Pfeifer habe die "Lawine gegen Pfeifenberger" ausgelöst und sei Teil einer "Jagdgesellschaft", die Pfeifenberger "in den Selbstmord getrieben" habe. Pfeifer klagte daraufhin auf Entschädigung und wurde von den österreichischen Gerichtsinstanzen abgewiesen. Im November 2007 bekam Pfeifer vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Recht gesprochen und die Republik Österreich wurde zu 5.000 Euro Entschädigung für das Versäumnis der Gerichte verurteilt. Seit diesem Urteilsspruch, so Wolfgang Neugebauer, vormals Chef des Dokumentationszentrums des österreichischen Widerstandes (DÖW), im Interview für den Film, hat sich bei österreichischen Gerichten manches zum Positiven gewandelt.

Der Film über Pfeifer beleuchtet auch eine eher unbekannte Seite von ihm. So pflegte dieser seit Ende der 70er Jahre enge Kontakte zur demokratischen Opposition in Ungarn und wurde infolgedessen mehrfach aus dem vermeintlich sozialistischen Land ausgewiesen. Verhasst war dem Regime insbesondere die Presseberichterstattung Pfeifers über die Diskriminierung von dortigen Wehrdienstverweigern.   Pfeifer, nun bereits im 82. Lebensjahr stehend, ist weiterhin ein unermüdlicher Aufklärer wider primitive Ressentiments und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Er engagiert sich beim DÖW und reist und fliegt als vortragender Zeitzeuge mit dem ihm eigenen konsequenten aufrechten Gang durch die Lande.

Der Film "Zwischen allen Stühlen - Lebenswege des Journalisten Karl Pfeifer" kann öffentlich gezeigt werden. Nähere Informationen unter: kontakt@antisemitismusforschung.net