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Antisemitismus
Wie Gerüchte über Organraub entstehen PDF Drucken E-Mail
Karl Pfeifer   
14.02.2010
Das Gerücht vom israelischen Organraub -  begonnen nach einer schlampigen Recherche  einer schwedischen Zeitung, die bereitwillig auf ein altes Gerücht aufsprang - ist eine moderne Version der sehr alten antijüdischen Ritualmordbeschuldigung, die benützt wird, um Israel zu verleumden.

Nachdem israelische Helfer nach Haiti kamen, hat ein palästinensisches Propagandaorgan Israel beschuldigt, Organe zu rauben und die ehemalige liberal-demokratische britische Abgeordnete Baroness Jenny Tonge - die zu den fleißigsten "Israelkritikern" gehört -  externer Linkverlangte von Israel, dies zu untersuchen [1]. Daraufhin wurde sie externer Linkals Gesundheitssprecherin ihrer Partei im House of Lords entlassen [2].

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 Baroness Tonge bei Pro-Palästina-Demo: jüdischer Ritualmord in moderner Version

"Wie sich Israel benimmt ist eben nicht koscher. Jüdische Menschen sollten sich ganz und gar schämen, dass sie nicht mehr tun, um sie zu stoppen. Es ist absolut abscheulich" sagte Tonge, die externer Linkbei propalästinensischen Demonstrationen auch zum Megaphon greift [3].

Gerüchte über Organraub leben fort - zum einen, wegen der morbiden Faszination; zum anderen weil sie Verschwörungstheoretiker bestärken, die in solchen Legenden einen weiteren "Beweis" sehen, wie die Mächtigen und Reichen die Armen und Machtlosen ausbeuten. Tatsächlich begannen diese Gerüchte nicht mit Israel - das ist nur das letzte Kapitel einer Jahrzehnte alten globalen Gerüchteverbreitung.

Nancy Scheper-Huges, eine Anthropologin an der University of California, Berkeley, hat einen großen Teil ihrer Laufbahn dem Studium der Geschichten über Organraub gewidmet. Eine ihrer Schlussfolgerungen ist, dass viele dieser Gerüchte auf Wahrheit beruhen. So präsentierte sie am 27. Juni 2001 "externer LinkTHE GLOBAL TRAFFIC IN HUMAN ORGANS: A Report to the House Subcommittee on International Operations and Human Rights, United States Congress". [4]

In ihrem Bericht berührt sie auch den "Organ-Tourismus" im Nahen Osten, in den sowohl Israelis als auch Palästinenser involviert sind:

Die am meisten verbreitete Praxis des illegalen Organ-Sammelns betrifft den Kauf von  Nieren von verzweifelten lebenden Organspendern. Im Nahen Osten sind Einwohner der Golf-Staaten (Kuwait, Saudi Arabien und Emirate) viele Jahre nach Indien, den Philippinen und Osteuropa gefahren, um Nieren zu kaufen, die im Nahen Osten rar wurden wegen der fundamentalistischen islamischen Lehren, die zwar eine Organ-Transplantation (um ein Leben zu retten) erlauben, aber es verbieten, solche Leichen zu entnehmen.

In der Zwischenzeit fahren Hunderte von Nieren-Patienten aus Israel, das eigene, sehr gut entwickelte, aber nicht ausgenützte Transplantationszentren (wegen ultra-orthodoxer jüdischer Bedenken über Gehirntod) hat, als "Transplatantions-Touristen" in die Türkei, Moldawien, Rumänien, wo verzweifelte Nierenverkäufer gefunden werden können …

Aber reiche Palästinenser aus der West Bank fahren auch auf der Suche nach solchen Transplantationen nach Bagdad, Irak, wo einige medizinische Zentren Transplantationstouristen aus der arabischen Welt bedienen. Die Nierenverkäufer im Irak - so berichtete mir ein palästinensischer Nieren-Transplantations-Patient im März 2001, sind meistens junge Männer, Gastarbeiter aus Jordanien und arme Iraker, die sich in einer speziellen Abteilung des Spitals in Schlafsälen befinden, die man "Nieren-Motels" nennen kann, um die Blut- und andere Tests zu bestehen, die aus ihnen den "Gewinner" des Tages der Nierenlotterie machen. Im Irak kostet die Transplantationspauschale, inklusive vor- und postoperativer Behandlung und mit modernen Apartments auf dem Gebiet des Spitals für die Angehörigen, ab $20.000, während es vor einigen Jahren lediglich $10.000 kostete. Tatsächlich war es das Erscheinen von Palästinensern, denen man dort erfolgreich eine Niere transplantierte, in der Nachbehandlungsklinik des Hadassah Hospital [israelisches Universitätskrankenhaus in Jerusalem, Anm. d. Red.], das jüdische Patienten in Israel veranlasst hatte, eine alternative Transplantation für sich zu suchen.

Und in dem 2007 publizierten Artikel "externer LinkOrgan Stealing: Fact, Fantasy, Conspiracy, or Urban Legend?" [5] beschreibt Scheper-Hughes die sozialen Bedingungen, unter denen die Gerüchte über Organraub entstehen und gedeihen:

Ein schauriges Gerücht entstand zuerst in den Elendsvierteln Brasiliens in der Mitte der 80er Jahre und es wird seitdem verbreitet. Die Flüsterpropaganda informiert über die Entführung und Verstümmelung von Kindern und Jugendlichen, die so wird erzählt, gierig als Lieferanten des internationalen Handels für reiche Transplantationspatienten aus den entwickelten Ländern betrachtet werden. …

Diese Gerüchte über Organraub wurden von Zeitungen in Recife übernommen und es wurde darüber auch im Radio berichtet. Die meisten Berichte machten sich lustig über die Leichtgläubigkeit einfacher Menschen. Doch die Medienberichte, die Gerüchte zerstreuen sollten, verschärften diese. "Ja, es ist wahr", weinte Dona Aparecida, händeringend am Eingang ihrer Hütte, die sich in der mit Abfall vollen Straße, die Pfad der Geier genannt wird, befindet. "Ich habe es im Radio gehört". Als Folge wurden kleine Kinder zu Hause eingesperrt, während ihre Eltern arbeiteten. Ich fand ein verängstigtes kleines Mädchen, das wie eine Ziege an den Tischstuhl angekettet war. …

Ich hörte andere Varianten von Geschichten über Organraub von Anthropologen in Argentinien, Kolumbien, Peru, Guatemala, Honduras, Mexiko, Indien und Korea. …

Obwohl die meisten dieser Geschichten aus Zentral- und Südamerika kamen, gab es auch solche Berichte über Organraub aus Polen und Russland, wo man berichtete, dass die Organe von armen Kindern an reiche Araber als "Ersatzteile" bei Operationen geliefert wurden. Die Historikerin Luise White publizierte Geschichten über Blut saugende, Blut stehlende menschliche Vampire in Ost- und Zentral Afrika und der südafrikanische Anthropologe Isak Niehaus berichtete über Blut- und Organraubgerüchte in Transvaal, die während der Feldforschung 1990-1993 gesammelt wurden. …

In Italien (von allen Ländern!) schrieb Paolo Toselli im August 1990 eine Serie von Nachrichten über Gerüchte, wie arme Kinder entführt werden, um ihre Organe für Transplantationen zu benützen und erreichte damit sehr schnell weite Verbreitung. 231 Kinder sollen 1990 in Italien entführt worden sein. In Italien fokussierten diese Geschichten eine "schwarze Ambulanz" als Entführungsfahrzeug. Andere italienische Gerüchte warnten vor einer mobilen Chirurgie-Einheit, die sich auf dem Land nördlich von Rom bewegt. Und es gab Gerüchte über Schwarzmarkthandel von armen brasilianischen Kindern, die illegal nach Italien als Lieferanten von "Ersatzteilen" für Organtransplantationen importiert wurden. Hier haben wir einen geschlossenen Kreis, das Gerücht begann in Brasilien, die "Spender"-Nation, die zwei Jahre später ihr Gegenüber in der "Empfänger"-Nation fand (wie das Kinderspiel "stille Post"). …

Was bedeutet das, wenn eine Menge von Menschen rund um die Welt Varianten der gleichen bizarren und unwahrscheinlichen Geschichte erzählen? In anderen Worten, wie interpretiert man die soziale Einbildung von armen Menschen und Menschen aus der Dritten Welt? …

Allgemein hat das Gerücht über Organraub seine Grundlage in den Wahrnehmungen von armen Leuten, die auf der sozialen und biomedizinischen Realität gründen, dass ihre Körper und die Körper ihrer Kinder für die Reichen und Mächtigen als tote Körper mehr wert wären denn als lebendige. Sie können sich leicht vorstellen, dass ihre Körper und der Körper ihrer jungen Kinder mit Sehnsucht von denen betrachtet werden, die Geld besitzen. Wie sie es sehen, gibt es einen Austausch von Organen von den Körpern der Jungen, der Armen und der Schönen in die Körper der Alten, Reichen und Hässlichen und von den Armen im Süden an die Reichen im Norden: Amerikaner, Deutsche, Italiener, Japaner und Israelis. …

Die soziale Ethik der Transplantation verlangt nach einem einigermaßen demokratischen Staat, in dem die grundlegenden Menschenrechte gewährleistet und garantiert werden. Organtransplantationen, die sogar in Elite-Spitälern von gewissenhaften Ärzten durchgeführt werden, im Milieu eines Polizei- oder Militärstaates, wo politisches "Verschwinden" (Brasilien, Südafrika), "schmutzige Kriege" (Argentinien), ethnische Säuberung (Bosnien) oder Völkermord (Ruanda, Guatemala) praktiziert werden oder wo Folter, Verletzung und Mord während der Inhaftierung üblich sind (zum Beispiel früher in Südafrika) [und in der Volksrepublik China, K.P.], können nur eine Abscheulichkeit, eine andere Form von Gewalt repräsentieren.

Unter den gegebenen Umständen der Armut, des gewaltsamen Konflikts und der antijüdischen Hetze in den besetzten Gebieten ist es keine Überraschung, dass solche Gerüchte über Organraub derartig verbreitet sind. Westliche Politiker und Journalisten aber, die solche Gerüchte übernehmen und verbreiten, müssen sich den Vorwurf des Antisemitismus gefallen lassen.

Quellen und Links:

[1] externer LinkFormer British MP Tonge: Probe claims of IDF organ theft in Haiti. Ynetnews 12.02.2010. http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-3848105,00.html

[2] externer LinkJenny Tonge stripped of Lords' role. The Jewish Chronicle 12.02.2010. http://www.thejc.com/news/uk-news/27160/jenny-tonge-stripped-lords-role

[3] externer LinkDefending Jenny. Harry's Place 13.02.2010. http://www.hurryupharry.org/2010/02/13/defending-jenny/

[4] externer LinkTHE GLOBAL TRAFFIC IN HUMAN ORGANS: A Report Presented to the  House Subcommittee on International Operations and Human Rights, United States Congress on June 27, 2001. http://www.publicanthropology.org/TimesPast/Scheper-Hughes.htm

[5] externer LinkOrgan Stealing: Fact, Fantasy, Conspiracy, or Urban Legend? Pound Pup Legacy 13.03.2007. http://poundpuplegacy.org/node/14245


Anmerkung der Redaktion: Laut einem externer LinkBericht der JTA war Baroness Jenny Tonge bereits 2004 aus ihrer damaligen Funktion als Sprecherin ihrer Partei für Kinder-Angelegenheiten entlassen worden, nachdem sie geäußert hatte, wenn sie eine palästinensische Mutter wäre, würde sie erwägen, Selbstmord-Bomber zu werden.