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redok   
14.02.2010
Ein kurioses Begehren erreichte vor einigen Tagen die Redoktion: Ein Artikel solle innerhalb von 12 Stunden von der redok-Website entfernt werden, andernfalls seien "rechtliche Schritte" zu erwarten. Bislang kamen solche Ansinnen nur von rechtsextremen Personen, nun jedoch aus der Mitte der Gesellschaft. Der Anlass des Zensur-Begehrens war allerdings ein sprachliches Missverstehen. Aus gegebenem Anlass nun eine Aufklärung über das Wort "wie" und seine Verwendung.

Als Auslöser der Aufregung diente der Artikel externer LinkPräventiver Hitler: Der "Führer" hatte keine Wahl von unserem Gastautor Ulrich Peters. Ein ähnlicher Bericht des Autors wurde einige Tage später mit dem Titel CDU kuschelt mit Rechtsaußen im Blog "Störungsmelder" veröffentlicht, das als Gemeinschaftsprojekt mehrerer Internetportale bei ZEIT online erscheint.

Nach der Veröffentlichung erreichte die Redoktion eine Mail der früheren CDU-Bundestagsabgeordneten Vera Lengsfeld, die sich durch den Artikel beschwert fühlte. Sie sei "in dem Text von Herrn Peters als Neonazi bezeichnet" worden, daher müsse sie "nach Einholen rechtlichen Rates" auffordern, den Text innerhalb von 12 Stunden zu entfernen. "Im Weigerungsfalle" würden "rechtliche Schritte" eingeleitet werden.

Solche Aufforderungen waren bei der Redoktion bislang nur aus rechtsextremen Kreisen eingegangen, allerdings waren sie - ebenso wie verschiedene zivilrechtliche Prozesse und Strafanzeigen gegen Redokteure - erfolglos geblieben. Dass nun eine ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin den Wunsch nach Zensur eines unliebsamen Artikels äußerte, rief naturgemäß Verwunderung hervor. Aber auch in diesem Fall entschied die Redoktion nach Prüfung des Sachverhalts, dem Begehren nicht stattzugeben.

Im Laufe eines folgenden Schriftwechsels mit Frau Lengsfeld, die sich im übrigen dagegen verwahrte, als "Politikerin" bezeichnet zu werden, stellte sich heraus, dass die (laut ihrer eigenen Webseite) Autorin Lengsfeld offensichtlich ein kleines, aber häufig verwendetes deutsches Wort falsch interpretiert hatte. Die Autorin zitierte aus dem redok-Artikel die Passage: "Neonazis wie CDU-Politiker hörten ..." und schlussfolgerte, sie sei damit als "Neonazi" bezeichnet worden. Im Übrigen kotze sie unser "Rückzug ins Winkeladvokatische" an; man solle "den Mut aufbringen, seine Feinde ehrlich und mit offenen visier zu bekämpfen" (Fehler im Original).

Nach einer kurzen Pause ungläubiger Konsterniertheit erfolgte nun seitens der Redoktion Aufklärung über die Verwendung des Wortes "wie". Frau Lengsfeld hatte offenbar angenommen, das "wie" bedeute eine Gleichsetzung, also sei mit "Neonazis wie CDU-Politiker" gemeint, dass "CDU-Politiker" (hier: Lengsfeld) "Neonazis" seien.

Tatsächlich war natürlich das "wie" völlig anders gemeint, nämlich in dem Verwendungszusammenhang wie in diesem Online-Nachschlagewerk beschrieben:

2. /verbindet zwei Wörter zu einem Satzglied; vereinigt zwei Merkmale bei Personen, Sachen/ sowie, und auch: er wurde als Wissenschaftler w. als Mensch sehr geachtet; Judis Haltung wie ihr kleines abgewandtes Lächeln blieben unverändert U. Becher Männer 195; der Direktor w. auch einige seiner Mitarbeiter waren anwesend; sowohl ... w. (auch) s. sowohl
[externer LinkDas Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften]

oder im Standardwerk Duden:

3. verknüpft die Glieder einer Aufzählung; sowie, und [auch, gleichermaßen, ebenso usw.]: Männer w. Frauen nahmen teil; das Haus ist außen w. innen renoviert.
[Duden - Deutsches Universalwörterbuch, 5. Aufl. Mannheim 2003]

Eine Aufzählung verbindet naturgemäß unterschiedliche Elemente wie im Duden-Beispielfall Männer und Frauen, die demnach durch das "wie" nicht gleichgesetzt werden.

Auch in der Sprachanwendung beispielsweise in der Publizistik finden sich häufig derartige durch "wie" hergestellte Aufzählungen. Einige Beispiele:

SPD- wie CDU-Politiker hielten ein Minimum an parlamentarischer Mitwirkung im Notstandsfall für unverzichtbar.
(externer LinkDie Kabinettsprotokolle der Bundesregierung Band 13. 1960
herausgegeben für das Bundesarchiv von Hartmut Weber
bearbeitet von Ralf Behrendt und Christoph Seemann
unter Mitwirkung von Ulrich Enders, Josef Henke und Uta Rössel
[Einleitung - Justizpolitik und Notstandsgesetzgebung])
Heute sagen Ihnen SPD- wie CDU-Politiker ungetrübt, dass die Sozialdemokraten 1989/90 einen echten Fehler gemacht haben, die Reformer der SED, die es in ihr immer gegeben hat, brüsk abzuweisen.
[externer LinkÜber Jammerwessis, Pradaschnallen, Elternliebe und Frauen über 60
Alice Schwarzer - Interview mit Maybrit Illner. In: Emma November/Dezember 2004]
Manfred Stolpe spaltet die Nation. SPD- wie CDU-Politiker verteidigen den Ministerpräsidenten gegen die Vorwürfe der Gauck-Behörde - FDP-Mann Burkhard Hirsch rät dem IM "Sekretär zum Rücktritt.
[externer LinkDer Spiegel 17/1992 , 20.04.1992, S.33]

Dem Anwendungsverständnis von Frau Lengsfeld folgend würden diese Passagen bedeuten, dass SPD-Politiker eigentlich CDU-Politiker seien.

Mit einem abschließenden Hinweis der Redoktion an Frau Lengsfeld auf die Ablehnung von politischen Begrifflichkeiten eines Carl Schmitt - anlässlich der Lengsfeld'schen Rede von "Feinden", die man ehrlich und mit offenem Visier bekämpfen solle - schien der Fall erledigt.

Wider Erwarten kam doch noch eine Lengsfeld-Antwort, in der nun nicht mehr eine Gleichsetzung ihrer Person mit Neonazis moniert wurde, sondern die Darstellung ihrer Person in einer Aufzählung mit Neonazis. Sie sei nicht zusammen mit Neonazis bei der fraglichen Veranstaltung zugegen gewesen, denn "es waren keine Neonazis im Raum". Hier aber sind die Möglichkeiten der Redoktion durchaus begrenzt. Sprachliche Aufklärung ist im Rahmen des Üblichen gratis. Die Realität zu ändern kostet etwas mehr.