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Zeitgeschichte / NS-Symbole
Ein Plakat und seine Geschichte PDF Drucken E-Mail
Monika Kirschner / Albrecht Kolthoff / Anton Maegerle   
24.08.2006
stern_titel_3406_150Der stern hatte ihn zusammen mit Günter Grass auf dem Titelbild, Spiegel und Focus zeigten das Werbeplakat mit dem jungen Mann in ihren Artikeln über das späte Bekenntnis des Schriftstellers zu seiner kurzen Mitgliedschaft in der Waffen-SS. Der junge Mann mit dem SS-Stahlhelm war aber nicht Grass. Wer war er und wie entstand das Plakat? Die Suche danach ergibt Einblicke in deutsche Lebensläufe vor, während und nach dem Dritten Reich. Der SS-Mann hieß Klemens Behler, sein Plakat-Bild stammt von Ottomar Anton.

Der Werbegrafiker Ottomar Anton, geboren 1895 in Hamburg, ist heute ein gefragter Künstler. Originale seiner Plakate kosten Hunderte, wenn nicht Tausende von Dollars oder Euro; seine Arbeiten gelten auch als "sichere Bank", wenn es um Plakatkunst als Wertanlage geht. Neben zwei anderen Grafikern war der 1976 verstorbene Anton gemeint, wenn es in einer Rezension zu einer Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte im Jahre 2000 hieß, "niemand setzte Glanz und Glorie der majestätischen Dampfer so gekonnt in Szene" wie diese drei.

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Plakat von Ottomar Anton, ca. 1933

Tatsächlich waren Antons Plakate etwa für die Hamburg-Amerika-Linie, die ab Mitte der 1920er Jahre entstanden, modern im besten Sinne. Die Transportmittel wie auch die oft exotischen Reiseziele brachte er dem wohlbetuchten Zielpublikum nahe, ohne in Kitsch und Seebärenromatik zu verfallen.

Selbst in den ersten Jahren des Nazi-Reichs illustrierte Anton noch für den gehobenen Bedarf, wenn er etwa 1935 für die "Hamburg-Südamerikanische Dampfschiffahrtsgesellschaft" Mittelmeerreisen mit der ägyptischen Sphinx bebilderte oder wenn er 1936 für die Deutsche Zeppelin-Reederei mit dem Slogan "In 2 days across the Atlantic" (In zwei Tagen über den Atlantik) um amerikanische Kundschaft warb. 1936 schuf er - noch ganz in seinem nüchtern-eleganten Stil - Plakate für die Segelwettbewerbe der Olympischen Spiele in Kiel und für die Kieler Woche.

Bald danach wandelten sich jedoch Antons Motive - und danach auch die Auftraggeber. 1937 war der Zeppelin "Hindenburg" in Lakehurst, USA, verbrannt; mit Luxusreisen war kein Staat mehr zu machen. In diesem Jahr prangte ein Hans-Albers-Verschnitt von seebärigem Kapitän auf einem Ottomar Anton-Plakat für "billige Reisen nach dem Nordland" im Stile der Nazi-Organisation "Kraft durch Freude" (KdF).

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Waffen-SS-Werbepostkarte von Ottomar Anton, 1938

Die nächste Kundschaft hatte weder mit Fernreisen auf Luxusdampfern noch mit Billigfahrten nach dem Nordland etwas im Sinn. Für das "SS-Hauptamt-Ergänzungsamt der Waffen-SS" entwarf Anton eine Werbepostkarte mit einem HJ-Buben, der hinter sich schemenhaft seine Zukunft als SS-Mann sieht. Die Postkarte wurde bis 1944 von der Waffen-SS eingesetzt, und diese Kundschaft blieb dem Grafiker bis zum Ende des Dritten Reiches erhalten.

Nicht nur deutsche Jungen sollten angeworben werden, auch für die Jugend in den besetzten Ländern entwarf Anton SS-Plakate, so etwa mit französischem oder flämischem Text. Die Bildsprache dieser Plakate hatte mit seinen früheren Arbeiten nichts mehr zu tun: statt klarer Linien und Formen von Wasser, Fahrzeug, Landschaft nun NS-typische grimmige Klötze von Kerlen, die mehr Schemen als Personen blieben.

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Waffen-SS-Werbeplakat von Ottomar Anton, 1941. Modell: Klemens Behler

1941 fand er jedoch den Kerl, der prototypisch für den Waffen-SS-Mann schlechthin werden sollte. Der 20-jährige Rekrut Klemens Behler wurde zum Modell für den Grafiker und blickte bald überall im Nazi-besetzten Europa mit vom Stahlhelm verschatteten Augen gen Osten. Die Werbebotschaft war einfach und klar: "Waffen-SS - Eintritt nach vollendetem 17. Lebensjahr".

Der aus Bochum stammende Behler, Jahrgang 1921, war schon kurz nach der "Machtergreifung" in die Hitlerjugend (HJ) eingetreten. Seine Jugendjahre wurden durch das NS-Regime geformt. 1940 folgte er dem Ruf der Anton'schen Postkarte und meldete sich freiwillig zur Waffen-SS. Seine Einheit war die "Leibstandarte Adolf Hitler" (LAH) in Berlin-Lichterfelde, die Adolf Hitler persönlich unterstellt war.

Im Juni 1941 ging der nach Osten blickende Behler nach Osten: der Angriff auf die Sowjetunion sollte seine Kriegsjahre bestimmen. 1942 wurde er zu einem Lehrgang an der SS-Junkerschule in Bad Tölz kommandiert. Im Berliner Sportpalast erlebte er eine Rede von Adolf Hitler. Derart befeuert ging es wieder an die Ostfront, wo er eine Auszeichnung nach der anderen sammelte: "außergewöhnlichen Schneid" und "rücksichtslosen Einsatz" attestierten ihm seine Vorgesetzten, er bekam nacheinander das "Eiserne Kreuz II", das "Sturmabzeichen in Silber" und das "Eiserne Kreuz I".

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Klemens Behler in vollem Ornat

In der SS-Freiwilligen-Division "Nederland" erfüllte er ab 1944 die Rolle als deutscher Offizier für die Kollaborateurs-Einheiten, die Ottomar Anton in seinen Werbeplakaten vorgezeichnet hatte. Doch jetzt ging es an der Front nur noch rückwärts durch Estland und Lettland. Wenige Wochen vor dem Ende des Nazi-Regimes bekam Behler das "Ritterkreuz", die höchste militärische Auszeichnung, die das Dritte Reich zu vergeben hatte. Bei der SS hatte er es bis zum Obersturmführer gebracht.

Nach der letzten Schlacht im "Kessel von Halbe", die heute von Neonazis als Helden- und Opferungsmythos kultiviert wird, war Schluss mit dem Krieg für Behler. Zurück in Bochum wurde er von den Briten bis 1947 interniert.

Keinen Schluss machte er jedoch mit seiner nationalsozialistischen Weltanschauung. Bald trat er der HIAG bei, der " Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS e.V.", und wurde nacheinander Sprecher der örtlichen Gruppen in Bochum (1956) und Bonn (1971). Am damaligen Regierungssitz der Bundesrepublik Deutschland war er im Bonner Büro der Diehl KG als Lobbyist tätig. Der fränkische Rüstungskonzern hatte sich durch besondere Nähe zum NS-Regime und brutale Ausbeutung jüdischer KZ-Häftlinge im besetzten Polen und Zwangsarbeitern in den deutschen Werken unrühmlich hervorgetan.

Der "Kampf um die Wahrheit über die Waffen-SS" wurde ihm eine "Herzensangelegenheit", so der Neonazi Ralph Tegethoff in der NPD-Zeitung Deutsche Stimme. Tegethoff war Funktionär der verbotenen Organisationen "Wiking-Jugend" und "Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei" (FAP), und die wurden von Behler "nach Kräften" unterstützt, etwa als Vortragsredner "bei Sonnenwendfeiern, Lagern und Saalveranstaltungen".

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Klemens Behler in Bundeswehruniform mit Ritterkreuz

Behlers einschlägige Aktivitäten waren kein Hinderungsgrund für eine späte Karriere als Reserveoffizier bei der Bundeswehr. Von 1962 bis 1967 absolvierte er 12 Reserveübungen und besuchte 1967 einen Kommandeurs-Lehrgang an der Artillerie-Schule in Idar-Oberstein. Damit brachte er es zum Oberstleutnant der Reserve.

1995 trieb es Behler erneut zum "Kampf um die Wahrheit": er verfasste eine Broschüre "Die Waffen-SS, geschrieben für Wissende und Unwissende". Veröffentlicht wurde das Heft vom "Kameradenwerk Korps Steiner e.V., DieTruppenkameradschaft der europäischen Freiwilligen in der Waffen-SS (III. Germanisches Panzerkorps)". Und spät noch ermöglichte der Fall des europäischen "Eisernen Vorhangs" nach 1990 eine Rückkehr an alte Wirkungsstätte in Estland: wie eine Ritterkreuzträger-Fan-Webseite zu berichten weiß, wurde der frühere SS-Obersturmführer Behler "zu einem Empfang des estnischen Staatspräsidenten, Lennart Meri, zusammen mit ehemaligen estnischen Kameraden geladen".

Behler starb im Oktober 1998. Bei der Beisetzungsfeier erschienen zahlreiche Unteroffiziere und Offiziere der Bundeswehr in Uniform, "aus Verehrung für Behler", wie der Behler-Bekannte und Neonazi Tegethoff in der HIAG-Zeitschrift "Der Freiwillige" vermeldete. Bei der Beisetzung war auch der Bundeswehr-Geheimdienst MAD (Militärischer Abschirmdienst ) anwesend; wie Tegethoff beklagte, mussten sich die Uniformträger "später detaillierten Fragen seitens des MAD stellen".

Ottomar Anton, der Plakat-Schöpfer des Waffen-SS-Manns, hielt sich nach dem Kriege von Militärischem fern. Zeppeline und Atlantikdampfer waren nicht mehr zu bewerben, und so gestaltete er in den 1950er Jahren Werbeplakate für Kölnisch Wasser aus der rheinischen Domstadt. Für seine "Kameraden" behielt er offenbar den Stallgeruch: sie nannten ihn auch verkürzend "Otto Anton". Er starb 1976; dreißig Jahre nach seinem Tod erscheint sein SS-Mann-Plakat auf dem Titel einer Illustrierten.