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Scheibenkleister / Rechtsextremisten
Neonazis werben für zwielichtigen Heilsbringer PDF Drucken E-Mail
Patrick Gensing   
01.11.2006
Hamburg. Krebs ist generell heilbar! Das verkündet zumindest die „Germanische Neue Medizin“ (GNM) von Geerd Hamer. Und Hamer präsentiert auch gleich sein Rezept, welches ihm im Traum offenbart wurde: Die Kranken müssten den “inneren Konflikt lösen”. Dann verschwindet der Krebs ganz ohne medizinische Behandlungen, verspricht Hamer den verzweifelten Menschen.

In letzter Zeit hatte Hamer aber reichlich eigene Sorgen ganz anderer Art, erst Anfang 2006 wurde er aus einem französischen Gefängnis entlassen. Wegen illegaler Arzttätigkeit saß er hinter Gittern. Und dort gehört er nach Ansicht vieler Experten auch hin. Die Deutsche Krebsgesellschaft schreibt in einer Analyse aus dem Jahr 2005, mehrere Todesfälle von Menschen, die Hamers Theorie vertrauten, seien „gut belegt“. Unter schulmedizinischer Behandlung hätten diese Menschen eine realistische Heilungschance besessen. Deshalb sei die „Germanische Neue Medizin“ mit „allem Nachdruck als einerseits absurd, andererseits aber bewiesenermaßen gefährlich zurückzuweisen“.

Für das größte öffentliche Aufsehen sorgte bislang ein Fall Mitte der 90er Jahren. Die Eltern der kleinen krebskranken Olivia wollten eine schulmedizinische Behandlung ihrer Tochter verhindern, da sie Hamers Theorien vertrauten. Schließlich konnte Olivia aber doch noch durch eine Therapie gerettet werden: Nachdem der Tumor in dem kleinen Mädchen auf die Größe eines Fußballs angewachsen war, stimmten die Eltern doch noch einer Behandlung zu – allerdings widerwillig. Olivias Vater ist noch immer ein Jünger Hamers und betreibt heute eine der wichtigsten Webseiten der GNM. Und auch Hamer selbst bringen solche Fälle wie der der kleinen Olivia nicht zum Zweifeln. Ganz im Gegenteil, er versteigt sich immer weiter in seinem Wahn. In der Weigerung, seine Lehre offiziell anzuerkennen, sieht er vor allem eins: Eine globale jüdische Verschwörung.

Hamers Unterstützer: Rechte Spinner, Holocaust-Leugner und die NPD

Sein radikaler Antisemitismus und die Verschwörungstheorien lässt die „Germanische Neue Medizin“ besonders in rechtsextremen Kreisen interessant erscheinen. So finden sich Anhänger der GNM in den „Kommissarischen Reichsregierungen“. Dabei handelt es sich um Ansammlungen von Verschwörungstheoretikern, die die Bundesrepublik als illegitim betrachten und mit dem ihnen eigenen Größenwahn eine eigene „Reichsregierung“ ausgerufen haben. Allerdings gibt es mehrere konkurrierende „Kommissarische Reichsregierungen“. Auch Hamer selbst gehört inzwischen zu diesem illustren Kreis, so kündigte er im August 2006 an, für das Amt des „Präsidenten eines Rechtsstaates“ kandidieren zu wollen. Er betonte dabei, er lege ganz uneitel keinen Wert auf Titel wie Reichspräsident oder Reichskanzler.

Aber auch in einflussreicheren rechtsextremen Kreisen wird Hamer für seinen Judenhass anerkannt. Das so genannte „Adelaide-Instituts“, das für die Freilassung von inhaftierten Holocaust-Leugnern wie Ernst Zündel oder Germar Rudolf wirbt, und wo der frühere NPD-Anwalt Horst Mahler gerne seine Pamphlete veröffentlicht, forderte ebenfalls die Freilassung Hamers. Dieser sei auf „jüdischen Druck“ hin inhaftiert worden, heißt es auf der Seite. Und auch in der NPD wachsen die Sympathien für Hamers Theorien: Im Oktober warb die Partei auf einer Seite der NPD-Bayern für zwei Stammtische der „Germanischen Neuen Medizin“.

Die rechtsextreme Frauenorganisation „Gemeinschaft Deutscher Frauen“ (GDF), rühmt sich damit, bei „einem Regionaltreffen im Raum Berlin einen Gastreferenten“ eingeladen zu haben, der in seinem Vortrag Hamers Buch „Einer gegen alle“ vorstellte. „In diesem Buch, welches zugleich eine Autobiographie von Dr. Hamers Leben darstellt, werden sämtliche Namen der politischen Gegner genannt“, lobt die GDF. Und das Fazit der Veranstaltung: „Nur ein gesundes Volk – gesunder Körper und gesunder Geist – kann seine Stärke beweisen. Und wir brauchen noch eine Menge davon!“

Nachwuchs mit völkischem Bewusstsein und „Terrorist“-Shirt

“Es gibt eine neue Strategie von Frauen in der rechten Szene”, sagt die Sozialwissenschaftlerin Michaela Köttig. “Sie wollen die nächste Generation formen. Deshalb werden sie Erzieherinnen oder Lehrerinnen. Sie studieren Geschichte, um an der Uni zu lehren.“ Und sie organisieren sich in Organisationen wie dem GDF oder auch der NPD-Organisation „Ring Nationaler Frauen“ (RNF), um gemeinsame Ausflüge zu unternehmen und sich über die Erziehung der Kinder auszutauschen.

Auf den Seiten der „Gemeinschaft Deutscher Frauen“ kann man sich auf einer Fotogalerie schon einmal den Nachwuchs der Neonazis anschauen, alle ordentlich benannt mit nordischen oder urdeutschen Namen: Hedda, Edda, Heidrun oder Dietrich. Zwei Kinder tragen ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Terrorist“. Die Sozialwissenschaftlerin Köttig warnt vor der GDF und anderen rechtsextremen Fauenorganisationen: „Wenn sich immer mehr Frauen in rechtsextremen Kreisen wohl fühlen, bleibt auch der Mann dabei. Aus dem Lebensabschnitt wird ein Lebensprojekt.“ Und das hat Folgen: Schon das Kleinkind werde mit Sagenbüchern und rechtem Liedgut auf völkisches Bewusstsein getrimmt, so Köttig. „Der Boom rechter Frauengruppen wäre dann weit mehr als ein PR-Gag. Er würde es Nazi-Strategen erleichtern, Menschen in einer rechtsextremen Parallelwelt zu halten - von der Wiege bis zur Bahre.“ Dieser Weg könnte kurz sein, wenn sich Hamers Theorien der „Germanischen Neuen Medizin“ noch weiter in der rechtsextremen Szene ausbreiten.


Dieser Artikel erschien zunächst beim externer LinkNPD-Blog. Die Veröffentlichung bei redok erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Siehe auch:

31.03.2006: "Germanische Neue Medizin" - Quacksalberei und Antisemitismus unter einem Hut