| NPD | |||
| Hauen und Stechen in der Hansestadt |
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| 06.01.2007 | |
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Hamburg. Führungslos geht der Hamburger NPD-Landesverband ins neue Jahr: der Landesvorstand trat am 4. Januar geschlossen zurück. In einer Erklärung bezichtigte die Landesvorsitzende Anja Zysk andere Vorstandsmitglieder, massive Drohungen und eine "beispiellose Mobbingkampagne" betrieben zu haben. Laut Zysk wollen ihre Gegner Jürgen Rieger als neuen Landesvorsitzenden installieren. Am 18.02. soll nun ein neuer Vorstand gewählt werden. Hinter dem Krach an der Küste steckt auch ein Zwist über das rechte Verhältnis zu Moslems und Islamisten.
Wer derzeit im Internet bei der Hamburger NPD vorbeischauen will, wird mit der dürren Floskel abgewiesen, die Seiten würden "überarbeitet" und seien "in Kürze" wieder erreichbar. Informationen und Debatten über den Eklat im Landesvorstand finden zur Zeit nur in rechtsextremen Internetportalen und -foren statt. Dort wurde heute auch die Erklärung von Anja Zysk (Jahrgang 1971) verbreitet, die als "geschäftsführende Landesvorsitzende" den Rücktritt des gesamten Landesvorstands bekannt gab. Die Zysk-Erklärung ist freilich auch eine innerparteiliche Abrechnung mit Widersachern, für die wohl der Merksatz gilt: Wenn man Parteifreunde hat, braucht man keine Feinde mehr. Zysk beschuldigte mehrere Landesvorstands-Mitglieder: diese Opponenten hätten versucht, sie mit "massiven Drohungen und einer beispiellosen Mobbingkampagne" an ihren "öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten" zu hindern. Die Mehrheit des Landesvorstands habe "diese Machenschaften durch Wegsehen oder offen zur Schau getragene Sympathie" unterstützt. Anlass für den Riss im Vorstand sei eine von ihr geplante Demonstration am 10. Februar gegen den Bau einer Moschee im Hamburger Stadtteil Bergedorf und ihre "offensive Öffentlichkeitsarbeit" gewesen, die "vielen bürgerfernen Landesvorstandsmitgliedern ein Dorn im Auge" sei. Ihre Vorwürfe wurden in einem rechtsextremen Internetforum von einem angeblichen Lüneburger unterstützt: Anja Zysk sei in Emails "auf das Übelste beschimpft und bedroht worden", und das von "Parteikameraden". Die Zysk-Gegner hätten zum Boykott der Anti-Moschee-Demo aufgerufen, weil sie "es sich nicht mit den Islamisten verscherzen" wollten. Namentlich nannte Zysk als Anführer ihrer Gegner das Landesvorstandsmitglied Thorsten de Vries. De Vries ist ein langjähriger Aktivist der norddeutschen Neonazi-Kameradschaftsszene; in Wilhelmshaven führte er den "Deutschen Kameradschaftsbund" (DKB), der 1992 vom niedersächsischen Innenminister verboten wurde. Der DKB unterhielt enge Kontakte zu den Hamburger Neonazi-Größen Christian Worch und Thomas Wulff (Szenename: "Steiner"). Als de Vries nach Hamburg zog, soll er längere Zeit bei Wulff in Bergedorf gewohnt haben. Jener Thomas Wulff gehörte zu den prominenten Neonazis, die im Herbst 2004 in die NPD eintraten. Inzwischen ist Wulff zum persönlichen Referenten des NPD-Bundesvorsitzenden Udo Voigt und zum Bundesvorstandsmitglied aufgestiegen - und er tauchte wieder in Hamburg auf, um die junge Landesvorsitzende zu demontieren. Anja Zysk berichtet in ihrer Rücktrittserklärung, bereits vor einem Jahr hätten Wulff-Anhänger angekündigt, dass Wulff zum Jahresende 2006 ihren Sturz plane und statt ihr Jürgen Rieger zum Landesvorsitzenden machen wolle. Rieger war damals noch gar nicht in der Partei und trat erst im September 2006 in die NPD ein, inzwischen ist Rieger - wie Wulff - Parteivorstandsmitglied der NPD. Tatsächlich tauchte Wulff - ohne jede formale Berechtigung - jetzt am 4. Januar auf der Landesvorstandssitzung auf und weigerte sich trotz entsprechender Aufforderung von Zysk zu gehen. Zusammen mit de Vries hatte er laut der Zysk-Erklärung bereits konkrete Vorstellungen für die künftige Zusammensetzung des Landesvorstands entwickelt. In dieser Situation trat Zysk zurück, der gesamte Landesvorstand schloss sich an. Auf einem Landesparteitag am 18. Februar soll nun ein neuer Landesvorstand gewählt werden. De Vries soll erst kürzlich Drahtzieher einer anderen Intrige gegen einen "Parteifreund" gewesen sein. Anfang Dezember beschuldigte das neonazistische "Aktionsbüro Nord" (AB Nord) den NPD-Kreisvorsitzenden von Hamburg-Harburg, Martin Dembowsky, er gehöre einer Freimaurersekte "Thelema Society" an. Damit sei die NPD unter Einfluss von "Illuminaten", wähnten die Nord-Neonazis. Über Dembowsky urteilten sie, er habe "mit dem Feind paktiert" und drohten unverhohlen: "Entsprechend ist der Mann zu behandeln". Dembowsky keilte Anfang Januar 2007 zurück: er erklärte, er sei "Opfer einer rufschädigenden Kampagne geworden", die "ehemalige Mitglieder wie Uwe Ludwig, ausgeschlossene Gewalttäter und Kriminelle wie Walter Hoeck und Mitglieder wie Thorsten de Vries initiiert haben". Über Monate hinweg seien er, seine Familie, Freunde und Bekannte "bedroht, genötigt und verfolgt" worden. Privatdaten seien gesammelt, auf einer CD in der rechten Szene verteilt und auch "an die Antifa und Systempresse weitergegeben" worden. Dembowsky erklärte weiter, Strafantrag gegen seine Verfolger gestellt zu haben. Anja Zysk war erst im August 2005 in der Öffentlichkeit für die NPD aufgetreten, als sie zur Bundestagswahl auf Platz 2 der Hamburger Landesliste und als Direktkandidatin in Altona antrat. Bereits Ende November 2005 wurde sie zur Landesvorsitzenden gewählt und löste den langjährigen Landeschef Ulrich Harder ab, der im Alter von 76 Jahren nicht weiter den Vorsitz innehaben wollte. Die in Würselen (Kreis Aachen) geborene Zysk war erst Anfang 2004 von Nordrhein-Westfalen in die Hansestadt gezogen. Sie galt als Vertreterin eines Kurses der engen Zusammenarbeit mit den neonazistischen "Freien Kameradschaften". So trat sie gemeinsam mit den Hamburger Neonazis Christian Worch und Alexander Hohensee bei Demonstrationen in Norddeutschland auf; erst kürzlich war Hohensee in die Zysk-NPD eingetreten. Die Zusammenarbeit von Zysk mit den Worch-Kameradschaften weist auch auf eine weitere Bruchlinie in der norddeutschen extremen Rechten hin. Bereits seit einiger Zeit verhält sich die Bremer NPD in einer Art kritischer Distanz zur Parteiführung und unterhält gute Kontakte zu Christian Worch. Mit eben dieser Bremer NPD, dem Vorsitzenden des niedersächsischen NPD-Unterbezirks Stade, Adolf Dammann, und dem ehemaligen niedersächsischen REP-Landesvorsitzenden Hans-Gerd Wiechmann aus Lüneburg bildete die Hamburger NPD unter Zysk Anfang November 2006 eine "Arbeitsgemeinschaft Nord" (ARGE-Nord). Damit schlossen sich zum Teil erklärte Kritiker und Gegner sowohl der niedersächsischen wie auch der Bundesführung der NPD mit Worch-Freunden zusammen. Thomas Wulff als "Privatsekretär" des Parteivorsitzenden Udo Voigt kommt in dieser Situation offenbar eine Schlüsselrolle zu. Wulff - zusammen mit Worch Begründer des AB Nord - scheint derzeit seine alten Bekanntschaften im Norden zu nutzen, um der NPD-Parteiführung nicht genehme Untergliederungen auf Linie zu bringen. Bei den innerparteilichen Aufräumarbeiten scheinen auch niedersächsische NPD-Funktionäre hilfreich zur Seite zu stehen. Die Hamburger NPD-Internetseite ("wird derzeit überarbeitet") wird jedenfalls zur Zeit nicht etwa von einem ordentlichen Webserver gespeist, sondern von einem ordinären Benutzer-Internetanschluss der T-Com - und dieser Anschluss befindet sich offenbar im Raum Hannover. |