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NPD / Neonazis
Hamburger NPD-Grabenkrieg in der nächsten Runde PDF Drucken E-Mail
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09.01.2007
Hamburg. Nach dem Rücktritt des Hamburger NPD-Vorstandes scheinen sich quer durch Parteimitgliedschaft und parteifreie Neonazis zwei Lager gebildet zu haben, die sich erbittert befehden. Die Landesvorsitzende Anja Zysk erstattete Strafanzeige gegen ihren Verfolger; mit Hilfe von Christian Worch hat sie anstelle der von ihren Gegnern ausgeschalteten Internetseiten eine neue NPD-Webseite eröffnet.

Anja Zysk war am 4. Januar als Landesvorsitzende zurückgetreten; ihr folgte der gesamte Landesvorstand und machte damit den Weg frei für Neuwahlen beiu einem Landesparteitag am 18. Februar. Der innerparteiliche Machtkampf wird mittlerweile in aller Öffentlichkeit ausgetragen, zumindest von der Seite der angefeindeten Zysk.

Die bis zum Parteitag als geschäftsführende Landesvorsitzende amtierende Zysk erstattete Strafanzeige gegen einen der Drahtzieher des versuchten Partei-Putsches, Thorsten de Vries. Sie warf ihm die Straftaten der Bedrohung, Beleidigung, üblen Nachrede und Verleumdung vor; darüber hinaus aber auch noch einen Verstoß gegen §86a StGB (Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen).

In ihrer Anzeige zitierte sie aus Emails von de Vries, die dieser mit der Floskel "Heil und Sieg Friese 88" unterschrieben hatte. In diesen de Vries-Emails, die im Wortlaut von einem Neonazi-Internetportal veröffentlicht wurden, zog er über seine Landesvorsitzende als "Mosaische Levantiner Hexe" her, und damit nicht genug, ließ de Vries seinen Gewaltphantasien freien Lauf: "Ich würde die Alte sofort an die Wand stellen wenn ich die Möglichkeiten dazu hätte" (Rechtschreibung und Zeichensetzung wie im Original). Der "Alten" warf er vor, das Neu-Parteimitglied Jürgen Rieger als "Triebtäter" und "Perversen" bezeichnet zu haben.

De Vries wurde auch von Martin Dembowsky angezeigt, der in Hamburg Vorsitzender des Kreisverbandes Harburg ist und Stellvertreter von Zysk im Landesverband war. Gegen Dembowsky und für de Vries warf sich in einem Neonazi-Internetforum der frühere Frankfurter NPD-Funktionär und "Thule-Netz"-Aktivist Ernst Marschall (Nickname: "aggregat") in die Bresche, der zwar seit Jahren nicht mehr Mitglied der Partei ist, aber den Kameraden hartnäckig nachstellt.

Die Fronde gegen Zysk hatte bereits wenige Stunden nach dem Rücktritt des Landesvorstandes zumindest propagandatechnisch zugeschlagen. Nachdem die zurückgetretene Landeschefin ihre Erklärung zum Rücktritt mit Angriffen auf deVries auf der Webseite der NPD Hamburg veröffentlicht hatte, klemmte der "Internetbeauftragte" Lars Niemann die Seiten kurzerhand ab - wie es in einem anderen Neonazi-Webportal heißt, auf eigene Faust und nicht auf höhere Anweisung. Vom Netz ist auch der einzige Hamburger Kreisverband in Wandsbek, der eine eigenständige Webseite unterhielt.

Unterstützung bekam Zysk jedoch mittlerweile aus überraschender Richtung. Heute ließ sie eine neue Webseite mit nur leicht veränderter Internetadresse freischalten, auf der sie ihre Sicht der Dinge verbreitet. Diese neue Internetdomain gehört jedoch einem altgedienten Neonazi außerhalb der NPD-Parteireihen: Christian Worch hat der NPD-Frau diese Webpräsenz eingerichtet - und präsentiert sich der Szene als "Informationsanarchist", der gegen Zensur eintrete.

Damit zeichnet sich eine nicht ganz einfach zu durchschauende Lage in der Hansestadt ab. Offenbar geht es durchaus nicht um eine Frontenbildung mit militanten Kameradschafts-Neonazis auf der einen und parteifrommen Rechtsextremisten auf der anderen Seite. Vielmehr scheinen sich zwei Lager quer durch die norddeutsche extreme Rechte gebildet zu haben, unabhängig von der Mitgliedschaft in der NPD.

Anja Zysk hatte als frisch gewählte NPD-Landesvorsitzende die Nähe zu den "Kameradschaften" und parteiunabhängigen Neonazis gesucht. Tatsächlich hatte sie in ihrer kurzen Amtszeit vielfach mit Worch und dem ebenfalls aus Hamburg stammenden Neonazi Alexander Hohensee zusammengearbeitet, der kürzlich in die NPD eingetreten war. Angeblich soll die Hamburger NPD unter ihrer Führung die Mitgliederzahlen erheblich gesteigert haben. Die jetzige Unterstützung durch Worch wiegt möglicherweise in der Kameradschafts-Szene schwer.

Die Gegenseite wird vor allem von Thomas Wulff angeführt, dem früheren Weggefährten von Worch in der parteiunabhängigen Neonazi-Szene. Mittlerweile ist er persönlicher Referent des NPD-Bundesvorsitzenden Udo Voigt und kann daher auf Rückhalt oder zumindest Stillhalten in der Parteiführung rechnen, in der seit kurzem auch Jürgen Rieger sitzt, den die Wulff-Truppe gerne als Hamburger NPD-Chef sähe. Offenbar ist auch die Kampagne gegen Dembowsky in diesem Rahmen zu verstehen, obwohl diesem vor allem seine angebliche Mitgliedschaft bei "Freimaurern" und "Illuminaten" angekreidet wird. Assistiert wird Wulff von Freunden wie de Vries und dem "Aktionsbüro Nord".

Tatsächlich fällt - fünf Tage nach dem Rücktritt des Landesvorstandes - auf, dass es offenbar bis jetzt keinerlei Reaktion aus der Bundespartei gegeben hat. Die Parteiführung in Berlin dürfte nicht nur über Wulff bestens über die Lage in Hamburg unterrichtet sein, denn nach Berichten in Neonazi-Internetportalen war einer der wichtigsten Strippenzieher der NPD bei der Eklat-Landesvorstandssitzung am 4. Januar dabei: der stellvertretende Parteivorsitzende und Multifunktionär Peter Marx.

Hintergründe für die Grabenkämpfe sind nicht einfach auszumachen, obwohl es mit der umstrittenen, von Zysk geplanten Demonstration gegen einen Moschee-Bau in Bergedorf zumindest vordergründig einen politischen Zankapfel gibt. Nicht völlig abwegig scheint die Interpretation zu sein, hier wollten "altgediente" Kameradschafts-Neonazis wie Wulff und de Vries endlich einmal selbst das Sagen in einem Parteiverband haben, statt sich von einer vergleichsweise jungen Aktivistin die Marschrichtung vorgeben lassen zu müssen. "Maße dir in Zukunft nicht mehr an mir Ratschläge geben zu wollen wie politische Arbeit vor Ort auszusehen hat", giftete de Vries in einer seiner Emails und brüstete sich: "Im Gegensatz zu dir ANJA , bin ich fast 30 Jahre politisch aktive (auch für die NPD )".