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Rechtsextremisten
Zusammenkunft "unter Gleichgesinnten" PDF Drucken E-Mail
redok   
27.04.2007
Pommersfelden. Unweit von Bamberg wird vom 27.-29. April zum "Lesertreffen" der "Lesen & Schenken GmbH" eingeladen. Die Referenten und das Tagungs-Programm der harmlos klingenden Veranstaltung bewegen sich beispielhaft zwischen Rechtskonservatismus und Rechtsextremismus. Stargast soll der 2006 wegen der Kritik an seinen verbalen Ausfällen aus der CDU ausgetretene Henry Nitzsche sein.

Wieder einmal trifft man sich im "Schlosshotel Weißenstein" in der oberfränkischen Gemeinde Pommersfelden auf Einladung des Rechtsextremisten Dietmar Munier. Veranstalter der Tagung ist der "Schulverein zur Förderung der Rußlanddeutschen in Ostpreußen e.v.".

Auch in den vergangen Jahren tagte der Schulverein in Pommersfelden. Referent war unter anderem Martin Hohmann, der wegen seiner als antisemitisch eingestuften Rede zum Tag der Deutschen Einheit 2003 aus der CDU ausgeschlossen wurde. 2006 sorgte die Ankündigung des Historikers und Publizisten Arnulf Baring als Referent vor dem rechtsradikalen Zirkel für Aufsehen. Nachdem der stern darüber berichtet hatte, sagte Baring seinen Auftritt jedoch ab.

Dietmar Munier und der "Schulverein zur Förderung der Rußlanddeutschen in Ostpreußen e.v."

Der "Schulverein" wurde 1992 auf Initiative des Rechtsextremisten Dietmar Munier in Husum gegründet. Munier verfolgt damit die Wiederansiedlung von Rußlanddeutschen im Bezirk Kaliningrad, dem früheren Königsberg. 1996 erließen die russischen Behörden ein Einreiseverbot gegen Munier. Allerdings will Munier seine Tätigkeit in Kaliningrad dennoch fortgesetzt haben. Im Besitz oder Teilbesitz von Dietmar Munier befinden sich unter anderem der Arndt-Verlag und die "Lesen & Schenken Verlagsauslieferung und Versandgesellschaft mbH" mit Sitz in Kiel. Sowohl das Bundesamt als auch das schleswig-holsteinische Landesamt für Verfassungsschutz bewerten die Verlegertätigkeit von Munier als rechtsextrem.

Der Bundes-Verfassungsschutzbericht 2005 führt im Abschnitt "Rechtsextremistische Bestrebungen und Verdachtsfälle" zum Munier'schen Arndt-Verlag aus, das Unternehmen mühe sich, "weiterhin an den gesamtgesellschaftlichen Diskurs, etwa um die als antisemitisch kritisierte Rede des ehemaligen Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann und um den vormaligen Bundeswehr-General Reinhard Günzel, anzuknüpfen". Neben anderen Publikationen werde auch "die großformatige Bildband-Reihe 'Zeitgeschichte in Bildern/Zeitgeschichte in Farbe' fortgeführt, deren einzelne Bände sich jeweils unkritisch mit den vermeintlich imposanten Seiten des Nationalsozialismus und dessen angeblichen Leistungen befassen".

Munier pflegt Kontakte zu zahlreichen verfassungsfeindlichen Personen und Organisationen - so trat auf der Jahrestagung 1999 des Schulvereins der frühere RAF-Terrorist und heutige Rechtsextremist Horst Mahler auf und referierte über "die Zukunftsperspektiven des nördlichen Ostpreußen". Mahler, der derzeit eine neunmonatige Haftstrafe wegen Volksverhetzung verbüßt, hatte 1999 auch einen der Verlage Muniers in einem Verfahren wegen eines Indizierungsantrages durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften vertreten.

"Patrioten zu den Fahnen"

Als sicher prominentester Redner der diesjährigen Veranstaltung wird der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Henry Nitzsche angekündigt. Nitzsche war bundesweit kritisiert worden, weil er in einer Rede gefordert hatte, man brauche den Patriotismus, "um endlich vom Schuldkult runterzukommen", um so zu erreichen, dass "Deutschland nie wieder von Multi-Kulti-Schwuchteln in Berlin regiert" werde. Nitzsche, der sich auch mehrfach fremdenfeindlich geäußert hatte, reagierte im Dezember 2006 auf die an ihm geübte Kritik mit seinem Austritt aus der CDU.

In der Lokalausgabe Hoyerswerda der Sächsischen Zeitung wurde - ausgerechnet am 20. April, dem Geburtstag von Adolf Hitler - unter dem Titel "Henry Nitzsche ruft die Patrioten zu den Fahnen" ein Interview mit Nitzsche veröffentlicht, in dem er auf die Frage nach seinen Vorhaben antwortet: "Ich werde durch den Kreis tingeln, durch Kneipensäle, wenn's sein muss, und die Patrioten zu den Fahnen rufen". Muniers Kommentar zum Erscheinen Nitzsches und der anderen "großartigen" Vortragsredner auf der Tagung in Pommersfelden: "Solche Zusammenkünfte unter Gleichgesinnten sind Labsal für die Seele".

Referenten zwischen Rechtskonservativismus und Extremismus

Unter den angekündigten Referenten ist Emil Schlee, ehemaliger Landesvorsitzender der Republikaner in Schleswig-Holstein, der auch für die REPs im Europaparlament war. Er war Unterzeichner des "Appell der 100", in dem der Justiz vorgeworfen wurde, sie schränke mit ihrem Vorgehen gegen Vertreter "kritischer Meinungen zur Zeitgeschichte" (gemeint war die Leugnung des Holocaust) die Freiheit der Meinung, Forschung und Lehre ein. Der Verfassungsschutz wertet den "Appell" als "revisionistische Agitation". Außerdem war Schlee Erstunterzeichner des rassistischen "Heidelberger Manifests". Er publizierte in diversen Rechtspostillen, so in "Europa Vorn", das Anfang der 90er als Strategieorgan der extremen Rechten galt, ebenso in "Nation & Europa" (N&E).

Die in einer Auflage von rund 18.000 Exemplaren erscheinenden "Nation & Europa - Deutsche Monatshefte" stellen laut Verfassungsschutzbericht "eines der wichtigsten meinungsbildenden Medien für die rechtsextremistische Szene dar". Dies sei umso wichtiger, "als das Redaktionskollegium um Harald Neubauer im Jahr 2005 seine parteipolitische Neutralität aufgegeben hat und sich mehr und mehr als Sprachrohr der NPD sowie der von dieser propagierten 'Volksfront von Rechts' zu etablieren scheint". N&E-Herausgeber Neubauer war als Parteiloser zur Bundestagswahl 2005 auf Vorschlag der DVU auf Platz 2 der Landesliste der NPD Sachsen gewählt worden.

Des weiteren wird Klaus Motschmann erwartet. Er ist Autor in dem zwischen Rechtskonservativismus und Rechtsextremismus changierenden Wochenblatt Junge Freiheit und auch im "Junge Freiheit"-Buchverlag, ebenso in dem österreichischen ARES-Verlag, dem Rechtsaußen-Ableger des Grazer Stocker-Verlages.

Der Referent Franz Uhle-Wettler ist regelmäßiger Autor in der Junge Freiheit und weiteren Zeitschriften, die der "Neuen Rechten" bzw. der extremen Rechten zugeordnet werden müssen. So berichtete Uhle-Wettler im Juli 2002 in der Junge Freiheit über die Verurteilung des SS-Majors Friedrich Engel. Durch Inhalt und Titelwahl des Artikels "Furchtbare Juristen" - in Anlehnung an die entsprechende Bezeichnung für NS-Juristen - setzt er die aktuelle Rechtsprechung eines Hamburger Richters mit der während der NS-Zeit gleich. Uhle-Wettler publiziert unter anderem im Munier'schen Arndt-Verlag und im Sudholt'schen Verlag "Druffel & Vowinckel".

Auch der zur von Gert Sudholt geführten "Verlagsgesellschaft Berg" gehörende "Druffel & Vowinckel"-Verlag wird im Bundes-Verfassungsschutzbericht 2005 aufgeführt. Der Bericht kommt zudem zu der Einschätzung, dass "es Sudholt gelungen zu sein [scheint], das schon zum fünften Mal ausgerichtete 'Erlebnis-Wochenende Geschichte' des 'Druffel-Verlages' mit wiederum hohen Besucherzahlen als feste Größe im rechtsextremistischen Veranstaltungskalender zu etablieren". Auf der Tagung im September 2005 mit dem Motto "Von der Invasion zur Kapitulation. Die Selbstentmachtung Europas 1945" in Leipzig hätten "überwiegend revisionistisch orientierte Referenten zur Endphase des Nationalsozialismus" gesprochen.

Weiterere Gastredner sind laut Programm der Historiker und Publizist Günther Deschner, Günter Pahl-Keitum sowie Eberhard Windemuth, der als "Historiker und Dozent an der Bundeswehr-Universität in München" angekündigt wird.

Cheruskerfürst und Künstler-Führer

Innerhalb des kulturellen Programms soll auch eine Theatervorführung des "Arminius" erfolgen - "vorgetragen von einer heimattreuen Laienschauspielgruppe aus Berlin". Bei dieser Schauspielgruppe dürfte es sich um Kameraden des neonazistischen "Heimattreue Deutsche Jugend e.V." (HDJ) handeln, der als Nachfolge-Organisation der verbotenen "Wiking-Jugend" gilt und in der Tradition der Hitlerjugend (HJ) steht. Die an Arminius angelehnte Gestalt Hermann der Cherusker gilt in der Szene als nationale Mythen- und Symbolfigur.

Nicht zuletzt ist eine Filmvorführung von "Schiller - Triumph eines Genies" aus dem Jahr 1940 geplant. Über diesen Film schreibt die externer Link"Cinémathèque Leipzig":

Filme über Führer-Persönlichkeiten und bedeutende Künstler hatten Hochkonjunktur. Schiller fungiert als Variation des Bildes vom charismatischen Künstler-Führer. Projektion und Botschaft waren eindeutig: Der Dichter-Genius wird zum nationalen Heros stilisiert.

Von Ostpreußen bis Nahost - "Flagge zeigen für Deutschland"

Zwischen neonazistischer Theater-Truppe und NS-apologetischer Filmvorführung soll es auch eine Besichtigung von Schloss Weißenstein und "Offenes Singen und Volkstanz" geben. Vorträge über die "Vertreibung aus Ostpreußen: Ursachen und Konsequenzen" (Windemuth) oder zum "Pulverfaß Nahost. Wie sich das Deutschlandbild im Orient wandelt" (Deschner) scheinen das rechte Themen-Spektrum nicht nur geographisch gut zu umfassen. Der abschließende Gastvortrag von Henry Nitzsche führt den rechten Zirkel in die Hauptstadt: "Bericht aus Berlin: Flagge zeigen für Deutschland".


Literaturhinweis:

Bundesministerium des Innern: externer LinkVerfassungsschutzbericht 2005