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Rezension
Die Wochenzeitung "Junge Freiheit" PDF Drucken E-Mail
Daniel Hörsch   
28.08.2007
Die Junge Freiheit, das "journalistische Flaggschiff einer 'konstitutionellen Rechten' in Deutschland", das "um ein demokratisches Outfit bemüht" ist, wie es Helmut Kellershohn vor einigen Jahren zutreffend umschrieben hat, in den Blick eines Herausgeberbandes zu nehmen, gleicht einer Quadratur des Kreises. Allzumal vor dem Hintergrund des Urteils des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2005, wonach einer weiteren Aufnahme der Jungen Freiheit in die Verfassungsschutzberichte der Länder und des Bundes zwischenzeitlich juristisch hohe Hürden auferlegt sind. Umso erfreulicher ist es, dass nun mit dem von Stephan Braun und der SPD-Landesvorsitzenden Ute Vogt herausgegebenen Sammelband eine lesenswerte und kritische Bestandsaufnahme zur Jungen Freiheit, deren Entstehung, Hintergründen, den Seilschaften und Netzwerken der Autorenschaft sowie der Strategie der Wochenzeitung im Kontext der Neuen Rechten vorliegt. Damit wurde nach der parlamentarischen Anhörung zur Jungen Freiheit im baden-württembergischen Landtag ein weiterer wichtiger Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit einem der wichtigsten Sprachrohre der Neuen Rechten geleistet.
braun-vogt_junge-freiheit Stephan Braun / Ute Vogt (Hrsg.):
Die Wochenzeitung „Junge Freiheit“. Kritische Analysen zu Programmatik, Inhalten, Autoren und Kunden.

VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Düsseldorf 2007.

Der Herausgeber Stephan Braun, der Politikwissenschaftler Alexander Geisler und der Bundestagsabgeordnete Martin Gerster thematisieren im ersten Beitrag den Zusammenhang der Wochenzeitung und der Neuen Rechten, ordnen diesen in den aktuellen Diskurs der Rechtsextremismusforschung ein und verorten die Junge Freiheit im Netzwerk der Rechten. Worin allerdings die von den Autoren einleitend in Aussicht gestellte bundes- und landespolitische Perspektive zur Jungen Freiheit und den Medien der Neuen Rechten tatsächlich besteht, bleibt dem aufmerksamen Leser leider verborgen. Besonders eindrücklich, kurz und auf das Wesentliche beschränkt, stellt Helmut Kellershohn die Entwicklung der Jungen Freiheit vom Blättchen im Kleinformat zu einem der wichtigsten Publikationsorgane der Neuen Rechten dar. Ebenso aufschlussreich sind die Hintergründe, die für den nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz maßgeblich waren, die Junge Freiheit zwischen 1994 und 2003 im Verfassungsschutzbericht zu erwähnen. Insbesondere der Blick auf die Konservative Revolution als "Code und Programm" und den Umstand, dass die Junge Freiheit bemüht zu sein scheint, "etwas in der Sache zu behaupten, ohne es in der Form beweiskräftig behauptet zu haben" eröffnet den Blick auf weitere Beiträge in dem Sammelband, die diesen Umstand versuchen, mit Beispielen zu belegen.

Fünf Autoren wagen im zweiten Teil des Buches einen Blick auf die Junge Freiheit im "Grenzraum des Verfassungsbogens". Wolfgang Gessenharter decodiert in seinem Beitrag die Bedeutung und Funktion des Denkens und der Theorie von Carl Schmitt für die Junge Freiheit und zeichnet in bestechend scharfer Weise die Unvereinbarkeit mit dem Grundgesetz nach. Michael Pechel widmet sich dem Geschichtsverständnis der Jungen Freiheit, das sich u.a. in der Gegnerschaft zur 68er-Generation, im nationalen Mythos und der Entkriminalisierung der deutschen Geschichte sowie der damit einhergehenden Stilisierung Deutschlands zum Opfer festmachen lässt. Anhand von völkisch-nationalen Thesen, die in der Jungen Freiheit mehr oder minder codiert zutage treten, macht Helmut Kellershohn in seinem zweiten Beitrag für den Sammelband an Beispielen deutlich, wie in Texten der Jungen Freiheit unter Inanspruchnahme und entsprechender rhetorischer Begleitmusik der Presse- und Meinungsfreiheit ein "völkisch geprägtes Nationalverständnis" durchscheint. Einem bisher - überblickt man die Forschungsliteratur - kaum bei der Betrachtung rechter Netzwerker bzw. der Neuen Rechten in den Blick genommenen Aspekt, dem christlichen Bild vom Judentum", versucht sich Regina Wamper anzunehmen. Obgleich in der Thematik promoviert, bleibt sie etwa mit Blick auf die Zeitschrift "IdeaSpektrum" jeglichen Beleg schuldig, der eine Verbindung zwischen der Wochenzeitschrift der Evangelischen Allianz und der neurechten Wochenzeitung Junge Freiheit rechtfertigen lassen würde. Im erfreulich kurz gehaltenen Beitrag von Fabian Virchow wird anschaulich deutlich, wie die Junge Freiheit versucht, unter Berufung auf Carl Schmitt und geopolitische Ansätze die Europäisierung infrage zustellen und Deutschland als nationalen "Machtstaat in der Mitte Europas" argumentativ zu verorten und deren Militärpolitik entsprechend einer "nationalstaatlichen Logik" zu unterwerfen bei gleichzeitigem Versuch der Rehabilitierung der Wehrmacht und Waffen-SS.

Den Auftakt zum dritten Kapitel "Akteure, Kunden und Kampagnen" macht Anton Maegerle, der in seiner ihm eigenen bestechenden, kurzen und komprimierten Form nachzeichnet, wie und welche Protagonisten - beispielsweise so bekannte Namen wie Hans-Ulrich Knopp oder Andreas Molau, aber auch wie weniger bekannte Personen wie Günter Maschke und Stefan Scheil oder Günter Zehm - in der Jungen Freiheit publizieren und welchem Umfeld sie entstammen. Gabriele Nandlinger und ihre umfassende Darstellung der Anzeigenkunden der Jungen Freiheit eröffnet auch dem aufmerksamen Beobachter rechter Netzwerke einen überaus gewinnbringenden und bis dahin noch nicht vorhandenen Blick auf Geldgeber und Unterstützer der Jungen Freiheit und damit der Idee der Neuen Rechten. Wie sehr der Anspruch und die Strategie der Neuen Rechten nach "kultureller Hegemonie" im Sinne einer Deutungshoheit und Online-Schlacht um Begriffe auch bei der Jungen Freiheit seinen Niederschlag findet, wird im Beitrag von Margret Chatwin deutlich. Eindrücklich weist sie nach, wie Akteure und Protagonisten der Jungen Freiheit versuchen, im WorldWideWeb Beiträge um-zu-codieren. Zugleich macht sie auf eine Alternative zu Wikipedia aufmerksam, die redaktionell betreut wird, aber bisher weder in der Rechtsextremismusforschung noch in der breiten Öffentlichkeit auf entsprechenden Widerhall gestoßen wäre: Citizendium.

Den bedauerlicherweise kürzesten Teil des Sammelbandes machen möglichen Gegenstrategien aus, mit denen der Herausforderung in Politik, Öffentlichkeit, Wissenschaft und Bildungsarbeit durch ein Zentralorgan der Neuen Rechten wie der Jungen Freiheit begegnet werden könnte. Den Blick zurück wagen Helmut Lölhöffel, was die prominenten Interview-Partner der Jungen Freiheit wie Egon Bahr oder Peter Glotz betrifft und Volker Norbisrath und Ute Vogt, was die Aufnahme eines JF-Vertreters in die Bundespressekonferenz angeht. Eindrucksvoll hingegen der Beitrag von Thomas Schlag am Ende des Buches zur "Herausforderung der Jungen Freiheit für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit" mit überaus konkreten Angeboten, wie man sich konstruktiv-kritisch mit den Inhalten der Jungen Freiheit auseinandersetzen kann. Auch der Hinweis, dass insbesondere die gymnasiale Oberstufe und die beruflichen Schulen hier gefordert sind, kann so nur unterstrichen werden.

Das Ausrufezeichen, das der letzte Beitrag des Sammelbandes an alle interessierten Leserinnen und Leser setzt, sollte Ansporn und steter Antrieb sein, sich kritisch vor allem mit den Inhalten der Jungen Freiheit auseinanderzusetzen. Mit dem vorliegenden Sammelband liegt eine fundierte, lesenswerte und gut recherchierte Analyse des Umfelds, der Autoren, der Hintergründe und des Netzwerkcharakters der Wochenzeitung vor. Die kritische gesellschaftspolitische Auseinandersetzung, die sich unter anderem in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit niederschlagen sollte, steht allerdings offensichtlich noch aus.