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Deutschland ist ein Einwanderungsland. Einer solchen Erkenntnis müssen sich auch manche politischen Parteien beugen, die diese Tatsache lange Zeit erfolgreich verdrängten. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist aber nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa von Migration geprägt. Das "Fremde" kommt zu dem "Eigenen"; eine in-group sieht sich einer out-group gegenüber – und umgekehrt. Dies führt nicht selten zu Vorurteilen, Ablehnung und: Rassismus. Es ist für viele Menschen nicht gerade einfach, mit einer neuen Kultur und möglichen eigenen Ängsten umzugehen. Doch wann ist die Grenze zum Rassismus erreicht? Nicht nur dieser Frage geht der von Ulrich Bielefeld herausgegebene Sammelband nach.
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Ulrich Bielefeld (Hrsg.):
Das Eigene und das Fremde. Neuer Rassismus in der Alten Welt? Hamburger Edition, Hamburg 1998 |
Auf dem Weg zur
Gleich-Gültigkeit?
Die namhaften Autoren dieses Bandes befassen sich mit alten und neuen Erscheinungsformen des Rassismus sowie seiner historischen Entwicklung und theoretischen Substanz. Dabei gelangen sie immer wieder zu der Erkenntnis, dass Rassismus zum einen ein Begriff aus der Vergangenheit ist, teilweise historisch überholt zu sein scheint und zum anderen trotz allem aktuelle Erscheinungsformen treffend beschreibt - bei aller Vielschichtigkeit und Schwammigkeit, die hinter diesem Terminus steht.
Das Buch ist in drei große Abschnitte gegliedert. Im ersten Abschnitt wird analysiert, wie sich das Bild eines "Wir" und eines "Anderen" begründet.
Zygmunt Bauman betrachtet die Moderne und die Ambivalenz: "Die Geschichte der Moderne ist die Geschichte der Beziehungen zwischen sozialer Lebensform und ihrer Kultur. Moderne Existenz zwingt die Kultur in Opposition zu sich selbst. Die Disharmonie ist genau die Harmonie, die die Moderne braucht" (S. 47). Friedrich Heckmann beschäftigt sich mit der Frage, woher die Intoleranz des Nationalstaates gegenüber ethnischen Minderheiten stammt. Für ihn kommen Aversionen und Diskriminierungen gegenüber ethnischen Minderheiten "aus der Gesellschaft" und sind gerade nicht Fol-gen staatlicher Konstituierungs- und Legitimationsbedingungen (vgl. S. 73). Dem "Fremden" und seiner Konstruktion im Multikulturalismus-Diskurs geht Frank-Olaf Radtke nach. Er gelangt auf Seite 94 zu dem Ergebnis: "Zuwanderung von 'Fremden' und ihr dauerhafter Aufenthalt setzt voraus, dass ihnen Rechtsgleichheit zugestanden wird, die sie befähigt, in der öffentlichen Sphäre als gleiche aufzutreten, deren Ansprüche und Interessen gleich gültig sind. Solange Zugewanderte und Flüchtlinge in dieser Gesellschaft in einem Status minderen Rechts leben müssen, sind sie diskriminierbar und werden überall dort diskriminiert, wo es in der Konkurrenz um Vorteile möglich ist. Erst die Gleich-Gültigkeit des Lebensrechts aller Mitglieder der Gesellschaft machte es möglich, bestimmten Differenzen gegenüber gleichgültig zu sein."
Der Herausgeber untersucht anschließend die Mischung aus Realem und Imaginärem bei der Errichtung des "Anderen". Das "fremde Innen", so seine These aus psychologischer Perspektive, hat einen konstitutiven Zusammenhang mit der sozialen Konstruktion des Fremden. Stephen Castles erörtert ausgehend vom Bedeutungsverlust des modernen Nationalstaates die Frage, wie sich Arbeitsmigration und Entstehung neuer ethnischer Minderheiten auf die nationale Identität und politische Legitimität in fortgeschrittenen Industrienationen auswirken.
Im zweiten Abschnitt geht es um die Begriffe "Rasse" und "Rassismus".
Colette Guillaumin geht näher auf das Wort "Rasse" und den damit in Verbindung stehenden Konnotationen ein. Sollte "Rasse" aus Zensur, politischem Entschluss oder irgendeinem anderen Grund, so die Autorin, außer Gebrauch kommen, könne das Wort "Kultur" in Zukunft der andere, neue Begriff sein. Dazu bleibt anzumerken, dass beispielsweise die Neue Rechte, aber nicht nur die, schon heute den Terminus "Rasse" fast ausnahmslos durch "Kultur" ersetzt und auf kulturelle Differenzen verweist. Hier ist also Vorsicht geboten. Etienne Balibar widmet sich der These, Rassismus sei ein Universalismus und gerade nicht eine Extremform des Partikularismus. "Es ist lächerlich zu meinen, den Rassismus im Namen des allgemeinen Universalismus bekämpfen zu können; der Rassismus ist in ihm schon enthalten" (S. 187) - und zwar durch die Imagination einer universellen "idealen Gemeinschaft", wenn von Rassismus geredet wird. Trotzdem dürfe man aber selbstverständlich nicht jeglichen Universalismus aufgeben. Balibars "Rassismus ohne Rassen" begründet sich auf der Naturalisierung und damit Festschreibung des Kulturellen und Sozialen. Robert Miles legt dar, wie sich die Bedeutung des Rassismusbegriffs innerhalb der theoretischen Diskussion Britanniens entwickelt hat. Für Miles ist Rassismus eine soziale Konstruktion, die eine wichtige Dimension der Klassenkämpfe innerhalb und außerhalb Europas widerspiegelt (vgl. S. 214).
Der dritte Abschnitt stellt das Wechselspiel von Rassismus und Antirassismus in den Mittelpunkt.
Pierre-André Taguieff schreibt über die ideologischen Metamorphosen des Rassismus und die Krise des Antirassismus: "Es ist Zeit, dass die ebenso vielfältige wie in ihren Spaltungen erstarrte antirassistische Bewegung sich über den Bruch bewusst wird, der sich in den elaborierten rassistischen Darstellungen und Argumenten vollzogen hat, die Verschiebung zu sehen, die sich von der biologischen Ungleichheit zur Verabsolutierung kultureller Differenzen ergeben haben, und hieraus die Folgerungen für Typus und Stil ihres Kampfes zu ziehen" (S. 222 f.). Jan Philipp Reemtsma deckt die "Falle des Antirassismus" auf: Setzt das Gegenstück des Rassismus, der Antirassismus, im Endeffekt nicht gerade das voraus, was er zu bekämpfen vorgibt? Das heißt, Antirassismus, der sich auf Rassismus als gesellschaftliche Konstante bezieht, argumentiert auf dem Terrain, das die Rassisten ihm bereitet haben (vgl. S. 270, 281). Jacqueline Costa-Lascoux präsentiert einen Aufsatz über die Anti-Rassismus-Gesetzgebung in Europa. Für sie bleibt offen, ob das Europa der Bürgerinnen und Bürger eine "Minderheitengesetzgebung" haben wird oder nicht. Zum Abschluss verdeutlicht Philip Cohen auf provokante Art und Weise, dass man die internen Widersprüche des Rassismus verstehen muss, um diejenigen innerhalb der antirassistischen Bewegung selbst zu überwinden. Hierbei führt er dezidiert vor, dass Humanismus nicht ohne Weiteres Rassismus gegenüber gestellt werden kann, weil beide ihre gemeinsame Wurzel in der Aufklärung und im Rationalismus haben.
"Das Eigene und das Fremde. Neuer Rassismus in der Alten Welt" bietet schwere Kost, ist aber nahrhaft und interessant. Der Sammelband zeichnet auf 335 Seiten die vielfältigen Diskriminierungen nach, die die "Fremden" erleiden müssen, und beschäftigt sich tiefgründig mit theoretischen wie philosophisch-soziologischen Aspekten des Rassismus. Die anspruchsvollen Beiträge heben aber zugleich die Diskussion über den neuen Rassismus auf die europäische Ebene und richten das Phänomen auf andere Zusammenhänge wie Multikulturalismus oder Ethnizität aus. Selbst wenn der Begriff als solcher zu allgemein und zu belastet sein sollte: Rassismus ist ein praktisches Problem, er reproduziert sich "von unten" und ist somit - leider - alltäglich.
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