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Im Blätterwald vom 01.06.2006 PDF Drucken E-Mail
redok   
01.06.2006
Heute aufgelesen: No-go-Area in Cottbus - gibt's nicht, meint die Polizei; Ausländer fürchten dagegen um ihr Leben. Eine Spurensuche nach Ursachen des Hasses in Ostdeutschland - gibt es etwa Go-Areas? Auf Lesereise in Ost und West konnte Toralf Staud seine zentrale These bestätigt sehen; er sieht aber auch Beispiele, dass nicht alles schlimmer wird. Was wissen wir über den Holocaust - zwei Jahrzehnte nach dem "Historikerstreit"?

In der Zeit schaut Florian Klenk externer Linknach, ob Cottbus eine No-go-Area ist. Polizisten meinen, dass "Ausländer ganz normal durch die Straßen gehen können". Die sehen das ganz anders: vom Uni-Campus wagt sich kaum noch einer in die Stadt, wo sie nicht selten blutig geprügelt werden. "Schlimme Einzelfälle, die von den Medien hochgepuscht werden", meint die Vertreterin des Akademischen Auslandsamts. Aber nicht nur Ausländer sind Opfer von "Einzelfall"-Prügelorgien: auch Künstler, Politiker, Sportler, linksalternative Jugendliche und die jüdische Gemeinde wurden in den vergangenen Wochen attackiert. Die Chefreporterin der Lausitzer Rundschau: "Die Nazis bewegen sich kackfrech in unserer Stadt".

Ebenfalls in der Zeit wendet sich externer LinkEvelyn Finger gegen den Begriff der No-go-Area : als ob der große Rest des Landes außerhalb umgrenzbarer Bezirke eine friedvolle Go-Area sei. Auf der Suche nach Ursachen der fremdenfeindlichen Gewalt findet sie im Osten die Folgen einer altsozialistischen Erblast, nämlich die "Gewissheit, im »schlechteren« Teil Deutschlands zu leben, nachdem einem vor 1989 eingeredet wurde, das »bessere« Deutschland zu sein".

Im gleichen Blatt berichtet der frühere Zeit-Redakteur externer LinkToralf Staud, Autor des Buches "Moderne Nazis", über seine Lesereisen in Ost und West . Zentrale These seines Buches: "Gefahr von den »modernen Nazis« droht nicht in den Parlamenten, sondern durch eine »Faschisierung der ostdeutschen Provinz«. Neonazis - ob innner- oder außerhalb der NPD - organisieren Drohungen und Gewaltaktionen gegen die Veranstaltungen; rudelweise versuchen sie, in die Lesungen zu gelangen und sie zu dominieren. "Wortergreifungsstrategie" heißt das bei der NPD. Aus Wurzen bringt Staud eine gute Nachricht: Dort hat das "Netzwerk Demokratische Kultur", die örtliche Bürgerinitiative gegen Rechtsextremismus, ein eigenes Domizil bezogen und trotzt damit Anfeindungen und Anschlägen. Immer noch sieht er Probleme des Umgangs mit den Nazis bei Politik und Polizei, doch gebe es etwas von Wurzen zu lernen: externer Link"Den Nazis trotzen".

Und schließlich nimmt Götz Aly in der Zeit den 80. Geburtstag von Raul Hilberg und zwanzig Jahre "Historikerstreit" zum Anlass zur Frage: "externer LinkWas wissen wir heute wirklich vom Holocaust? " Sein Credo: "Denn die Frage nach geschichtlichen Kontexten lässt sich nicht mit philosophischen Mutmaßungen über irgendeinen historischen Nexus beantworten, sondern nur mit Ansatzpunkten im Faktischen." Aly wendet sich gegen die "geschichtsoptimistische Illusion", "die widerwärtigen Seiten des 20. Jahrhunderts ließen sich auf die totalitären Großdiktaturen reduzieren".